Tagebuch meines Pilgerwegs nach Santiago de Compostela
vom 14.04. - 18.05.2007

Der Jakobsweg


Jetzt auch als Taschenbuch!


An dieser Stelle danke ich zunaechst meiner lieben Familie, meinen Freunden und Kollegen,
die mir diesen Schritt ermoeglicht hat. Schoen, dass es Euch gibt!

Ich danke auch meinen Wegbegleitern:

Marie (Mont Saint Michelle), Yvan (Schweiz), Chantal (Toulouse), Jan & Andreas (Dessau), Siggi (Wien),
Giuseppe (Italien), Reiner (Bonn), Richard (Bristol), Jethro (Australien), Juan & Gabriel (Spanien),
Hildegard, Renate & Brigitte (Moenchengladbach), Gerhard (Schweden), Jose (Madrid),
Patsy & Ann (Irland), Edith (Stuttgart), Michaela (Tschechische Republik), Wolf (Seattle),
Karen (Daenemark) und Nene (Brasilien),

die mir auf meinem Weg weitergeholfen haben.


Inhaltsverzeichnis

 

November 2006

1. Tag 14.04.2007 Ich mache mich auf den Weg                 
2. Tag 15.04.2007 Saint-Jean-Pied-de-Port - Auberge Orrison 7,5 km
3. Tag 16.04.2007 Auberge Orrison - Roncesvalles 17,3 km
4. Tag 17.04.2007 Roncesvalles - Larrasoana 26,5 km
5. Tag 18.04.2007 Larrasoana - Uterga 32 km
6. Tag 19.04.2007 Uterga - Lorca 22,4 km
7. Tag 20.04.2007 Lorca - Los Arcos 29,8 km
8. Tag 21.04.2007 Los Arcos - Navarrete 42,2 km
9. Tag 22.04.2007 Navarrete - Azofra 23 km
10. Tag 23.04.2007 Azofra - Villamayor del Rio 33,5 km
11. Tag 24.04.2007 Villamayor del Rio - Ages 32,7 km
12. Tag 25.04.2007 Ages - Burgos 26 km
13. Tag 26.04.2007 Burgos - Hontanas 30,7 km
14. Tag 27.04.2007 Hontanas - Boadillo del Camino 29,7 km
15. Tag 28.04.2007 Boadillo del Camino - Carrion de los Condes 25,5 km
16. Tag 29.04.2007 Carrion de los Condes - Calzadilla de la Cueza 18 km
17. Tag 30.04.2007 Calzadilla de la Cueza
18. Tag 01.05.2007 Calzadilla de la Cueza - Sahagun 22,8 km
19. Tag 02.05.2007 Sahagun - Reliegos 30,7 km
20. Tag 03.05.2007 Reliegos - Leon 23,6 km
21. Tag 04.05.2007 Leon - Villar de Mazarife 24,3 km
22. Tag 05.05.2007 Villar de Mazarife - San Justo de la Vega 31,1 km
23. Tag 06.05.2007 San Justo de la Vega - Rabanal del Camino 26,6 km
24. Tag 07.05.2007 Rabanal del Camino - Ponferrada 27,2 km
25. Tag 08.05.2007 Ponferrada - Villafranca del Bierzo 26,5 km
26. Tag 09.05.2007 Villafranca del Bierzo - O Cebreiro 27,4 km
27. Tag 10.05.2007 O Cebreiro - Sarria 28,5 km
28. Tag 11.05.2007 Sarria - Portomarin 22,1 km
29. Tag 12.05.2007 Portomarin - San Xiao (San Xulian do Camino) 24,6 km
30. Tag 13.05.2007 San Xiao (San Xulian do Camino) - Arzua 27 km
31. Tag 14.05.2007 Arzua - Pedrouzo/Arca do Pino 21,3 km
32. Tag 15.05.2007 Pedrouzo/Arca do Pino - Santiago de Compostela 21,3 km
33. Tag 16.05.2007 Santiago de Compostela
34. Tag 17.05.2007 Tagesausflug nach Cabo Finisterre
35. Tag 18.05.2007 Rueckreise
  Schlussbemerkung
 

 

November 2006


Seit laengerer Zeit spuere ich diese Unruhe in mir, etwas machen zu muessen. Was genau das ist, weiss ich nicht genau. Ich arbeite seit 30 Jahren bei der Polizei und fuehle mich ganz einfach ausgebrannt. Dabei schwirrt mir irgendwie immer das Gedicht "Stufen" von Hermann Hesse im Kopf herum

... bereit zum Aufbruch sein ...

Da leiht mir mein Schwager das Buch „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling, das er zum Geburtstag geschenkt bekommen hat.

Dieses Buch hat mich inspiriert und ein Feuer in mir entfacht,
im kommenden Jahr den 800 km langen Jakobsweg „auf mich zu nehmen“.

Mein Wunsch ist es, die Angst vor meinem eigenen Tod zu bewaeltigen, die alltaeglichen Selbstverstaendlichkeiten wieder schaetzen zu lernen und zu mir selbst zurueck zu finden.

Sorgfaeltig habe ich alles vorbereitet:

zahlreiche Listen ueber Ausruestung und geplante Etappen erstellt
sowie vier Monate im Selbststudium Spanisch gelernt.

Bei den geplanten Etappen habe ich mich im Wesentlichen
am Rother Wanderfuehrer "Spanischer Jakobsweg" von Cordula Rabe orientiert.

Spanischer Jakobsweg von Cordula Rabe

Im Vergleich zu anderen hat sich dieser Wanderfuehrer, insbesondere was die Zeit-, Entfernungs- und Hoehenangaben angeht, als der fuer mich praktikabelste erwiesen.
 

 

 

Samstag, 14.04.2007 (1. Tag)


Der Tag ist da.

Nach sehnlichem Warten, mit gemischten Gefuehlen und Geduld ist es so weit.

Heute Abend geht es los und meine geliebte Familie wird mich zum Bahnhof bringen.

Abschiedsfoto von meiner Familie                    Dickerchen macht sich auf seinen Weg

Unsere Freunde Wolfgang und Uschi haben sich von mir verabschiedet und mir dieses Tagebuch geschenkt. Ich wuensche mir, dass ich in diesem Buch schoene Dinge und Erkenntnisse notieren kann.

Gestern auf dem Nachhauseweg steht auf einem Gehweg gesprayt

"Vaya Con Dios".

Danke!
 

 

 

Sonntag, 15.04.2007 (2. Tag)
Anreise


Mit dem Nachtzug ging es ueber Paris bis Bayonne. Am fruehen Morgen weiter nach Saint-Jean-Pied-de-Port durch eine wunderschoene Landschaft mit Fluessen, Huegeln, Wiesen und Waeldern.

Ankunft in Saint-Jean-Pied-de-Port            Saint-Jean-Pied-de-Port

Nachdem ich in Saint-Jean-Pied-de-Port (163 m) den ersten Stempel in meinem Pilgerausweis und eine Jakobsmuschel bekommen habe, ging es sofort los. Dort hatte man mir aufgrund der schlechten Wetterbedingungen geraten, den Weg ueber Valcarlos zu nehmen. Irgendwie habe ich jedoch den Abzweig verpasst und bin dann doch bis Auberge Orrison (650 m) gegangen, und das war's fuer heute.

Ich habe ein Recht darauf, gluecklich zu sein.
 

 

 

Montag, 16.04.2007 (3. Tag)
von Auberge Orrison nach Roncesvalles (17,3 km)


Morgenstunden in den Pyrenaeen

Nach dem Fruehstueck ging es um 08.00 Uhr los. Nach unendlichen zweieinhalb Stunden bergauf wurden die Wetterbedingungen immer schlechter. Es gab nur noch Schnee und Nebel, und das bei etwas ueber 0 Grad. Es war irgendwie schoen, allein zu sein. Manchmal war mir die Sache schon etwas unheimlich, weil ich zeitweise keine Wegmarkierungen mehr gesehen habe.

Aufstieg zum Col de Lepoeder            In den Pyrenäen           Grenzübertritt von Frankreich nach Spanien    

 Nach jeder Kurve dachte ich, das muss doch jetzt die Spitze sein, war es aber nicht, und dann war's geschafft, die hoechste Stelle (Col de Lepoeder 1430 m) hatte ich ueberwunden und erreichte den ersten Kilometerstein.

Santiago de Compostela 765 km

Weiter durch Schnee und Nebel aber bergab, und jetzt kommt's: das war zunaechst schwerer als bergauf. Und dann kam die Belohnung: aus Schnee und Nebel dieser wunderschoene Blick auf das sonnenbeschienene Roncesvalles.

Roncesvalles

So, Pause, erstmal eine rauchen. Nach etwa 10 Minuten funktionierte dann auch endlich das feucht gewordene Feuerzeug, und jetzt war die Zigarette feucht.

In Roncesvalles bin ich dann gegen 13.15 Uhr angekommen. Nee, fuer heute reicht's. Erstmal in die schoene Kirche, Rucksack abgelegt und einige Minuten Besinnung genossen. Wow, der Kopf war einfach nur leer, nichts, was getan werden muss. Aber an meine Liebsten denke ich doch. Ich fuehle mich ein wenig schlecht, sie zurueckgelassen zu haben, aber auch ich habe ein Recht darauf, meinen Wuenschen nachzugehen.

Nach der Kirche zum Pilgerbuero, Stempel abgeholt und fuer € 5 einen tollen Schlafplatz in einem Schlafsaal fuer ungefaehr 100 Personen ergattert.

Pilgerherberge in Roncesvalles

Die Pilgerherberge war ganz ok, und in der Kneipe nebenan gab es ein Pilgermenue fuer € 8 (drei Gaenge, Rotwein inklusive).
 

 

 

Dienstag, 17.04.2007 (4. Tag)
von Roncesvalles nach Larrasoana (26,5 km)


Ja, wo bin ich denn heute gelandet?

Um 06.00 Uhr wurde ich von leisem "Hallelujah-Gesang" geweckt. Na ja, ich hatte die halbe Nacht sowieso nicht geschlafen. Wie soll man auch in einem Schlafsaal mit etwa 100 Personen, von denen wahrscheinlich die Haelfte schnarcht.

Schnell gewaschen, gepackt und um 06.15 Uhr ging's los. Ich allein im Dunkeln, aber es war einfach herrlich, den Sonnenaufgang und das Erwachen der Natur erleben zu duerfen.

Gegen Mittag bin ich ueber drei Stunden durch Matsch und Geroell gelaufen. Meine Superschuhe haben zumindest hier ihre Bewaehrungsprobe bestanden.

Meine Ausruestung                        Meine Superschuhe

Die habe ich erstmal im Rio Arga abgewaschen und dort auch meine Fuesse gekuehlt, denn die waren heiss gelaufen. Ach, was ist das denn? Zwei Blasen habe ich auch. Gerechterweise an jedem Fuss eine. Zubiri hat mir nicht so gut gefallen. Also denke ich, lauf' noch die zwei Stunden bis Larrasoana.

Gut, da war ich dann gegen 15.00 Uhr. Dort habe ich mich in der Pilgerherberge angemeldet. Ich weiss nicht, bin ich eigentlich bescheuert? Wieder mal 30 Personen auf einem kleinen Zimmer. Schnell geduscht. Immerhin gab es zwei davon. Meine Sachen ausgewaschen, "mein" Bett "erkaempft" und dann durchs Dorf gelaufen. Warum? Na ja, ich suchte ein Restaurant fuer ein leckeres Pilgermenue, und jetzt zum Ausgangspunkt zurueck:

Wo bin ich denn heute gelandet?

Es gibt hier naemlich kein Restaurant. Waaaaassss? Und dafuer gibt es auch kein Geschaeft hier, nur nervende Pilger. Aber im Pilgerbuero - zum Glueck hatte das bis 19.00 Uhr auf - bekam ich verpackte Toastscheiben, ein Glas Leberwurst und - wow - eine Flasche Rotwein. Na ja, hab ich heute halt viel gespart und sauf mir einen an. Heute habe ich die Schnauze gestrichen voll. Die Schultern und mein rechtes Knie tun weh und meine Fuesse brennen wie Feuer. Hoffentlich kann ich bei dem Palaver und diesen Klugschwaetzern schlafen. Saufen, schlafen und bloss frueh weg, das ist mein heutiges Motto. Hoffentlich kommt kein anderer auf die gleiche Idee.
 

 

 

Mittwoch, 18.04.2007 (5. Tag)
von Larrasoana nach Uterga (32 km)


Nee, so eine Nacht mach' ich nicht noch mal mit. Vor lauter Schnarcherei, Knarrerei der Betten und Ruecksichtslosigkeit der Pilger wieder kein Auge zugemacht.

Heute Abend schlafe ich auf jeden Fall in einer Pension.

Aber am Abend wird sich zeigen, dass ein Einzelzimmer seinen Preis haben wird. Ja, das wird mich dann € 45 kosten, weil es naemlich keine Einzelzimmer gibt, ohne Abendessen und ohne Fruehstueck. Ich meckere und bekomme als Antwort, dass ich auch in einem Gemeinschaftszimmer mit 20 Betten fuer € 10 schlafen koenne. Nein danke, und weil ich heute 32 km gelaufen bin, goenne ich mir auch ein Abendessen fuer € 12 (Salat, Lammhaxe, Fritten und Wein ohne Ende).

Also, um 05.45 Uhr war die Nacht vorbei. Ich, ruecksichtsvoll wie ich bin, meine Klamotten genommen, draussen meinen Rucksack gepackt und los ging's. Wow, das ist so was von cool, im Morgengrauen loszugehen, wenn alles andere noch schlaeft. Anfangs geht's mit Taschenlampe, um den Einstieg des Weges zu finden, aber mein Auge hat sich schnell an die Dunkelheit gewoehnt. Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht auf die Froesche trete, die dauernd meinen Weg kreuzen.

Gegen 08.00 Uhr mache ich meine erste Pause. Ich lese die SMS-Nachricht, die Uli mir geschickt hat: "Hi Micky, viel Kraft, Energie, Spass und spirituelle Erfahrung wuensche ich dir auf diesem Weg!" Diese Nachricht und das bisher Erlebte hat mich zu Traenen geruehrt.

Fuer die Durchquerung von Pamplona (Hauptstadt der Region Navarra) habe ich 1:15 Stunden gebraucht.

Blick auf Pamplona

Mein Tagesziel war eigentlich Cizur Menor. Da war ich dann gegen 12.30 Uhr. Und was jetzt? Zum Hierbleiben gefaellt es mir nicht, aber bis Uterga sind es weitere 3:30 Stunden, und zwischendurch gibt es keine Schlafmoeglichkeit. Ausserdem sind immerhin wieder 255 Hoehenmeter zu ueberwinden. Und bergab geht es eine Stunde ueber Geroell. Ich riskiere es, kuehle meine Fuesse und wechsele die Socken.

Pause in Cizur Menor

Weiter geht's ueber den Alto del Perdon (735 m), eine nicht enden wollende Steigung. Ich laufe durch die pralle Sonne, und es scheint weit und breit keinen Schatten zu geben, und den wuensche ich mir jetzt. Fuenf Minuten spaeter mitten in der Einoede: ein Baum mit Bank und Schatten und auf der Bank daneben eine Frau aus Deutschland mit ihrem 15-jaehrigen kleinen Hund. Beide machten einen gluecklichen Eindruck. Da man Hunde nicht mit in die Pilgerherberge nehmen darf, hat sie sich in Deutschland eine Excel-Tabelle erstellt mit allen Hotels und Pensionen, in denen Hunde erlaubt sind. Ich hoffe, der Hund ueberlebt diesen weiten Weg. Auf dem Huegel vorbei an Windraedern und Metallskulpturen, und dann ein kurzer aber heftiger Abstieg.

Um 17.00 Uhr bin ich in Uterga, der guenstigen Pension. Dort treffe ich auch die nette aeltere Franzoesin Marie aus Mont Saint Michelle. Gute Nacht! Ach ja, in meinem teuren Doppelzimmer habe ich auch nicht geschlafen, weil meine Fuesse und Beine sich nicht beruhigen wollten. Aber zumindest konnte ich bis 07.30 Uhr mit allem Komfort im Bett liegen bleiben.
 

 

 

Donnerstag, 19.04.2007 (6. Tag)
von Uterga nach Lorca (22,4 km)


Dafuer ging es heute erst um 08.30 Uhr los, und es war ein verdammt heisser Tag fast ohne Schatten. Von Uterga aus ging es ueber Obanos nach Puente la Reina. Dort habe ich gefruehstueckt und diese schoene Bruecke fotografiert.

Puente la Reina über den Rio Arga

Weiter ging's ueber Maneru und Cirauqui bis Lorca. In der Pilgerherberge "La Bodega del Camino" konnte ich mir als erster ein Bett aussuchen. Diesmal gab es im Zimmer nur sechs Etagenbetten und die Pilgerherberge war sehr schoen.

Ach uebrigens: den heutigen Tag habe ich unserem Freund Klaus gewidmet, und er war sehr hart!
 

 

 

Freitag, 20.04.2007 (7. Tag)
von Lorca nach Los Arcos (29,8 km)


Heute war mein Tagesthema "Loslassen". Zum Thema "Schlafen" sage ich jetzt nichts mehr.

Um 05.45 Uhr bin ich aufgestanden. Um 06.15 Uhr sollte es losgehen. Ich raus und stelle fest, dass ich meinen Pilgerstab vergessen habe. Natuerlich hatte ich die Tuer zugezogen. Sorry ihr Pilger, dass ich euch geweckt habe, aber der Stab war mir wichtiger - ich weiss, ich bin egoistisch.

Nach zwei Stunden habe ich zum ersten Mal im Ort Estella/Lizarra losgelassen. Dort habe ich naemlich 3 kg Gepaeck (Vliesjacke, Schuhe, Hose, T-Shirt und Reisefuehrer) postlagernd nach Santiago aufgegeben.

Weiter ueber Irache,

Wasser- und Weinquelle in Irache

 Azqueta nach Villamayor de Monjardin, dann 2:45 Stunden durch Wiesen, Felder und Weinberge ohne Schatten. Nach 1:30 Stunden sehnte ich mich nach einem Schattenplatz. Schwups, zehn Minuten spaeter war er da. Dort habe ich unter einem Baum eine schoene Siesta gemacht. Gegen 16:30 Uhr bin ich in Los Arcos angekommen, weiter ging's nicht mehr. Angeblich sollte die Albergue de la Fuente (Casa de Austria) eine sehr gute Herberge sein - na ja ... Geschmacksache.
 

 

 

Samstag, 21.04.2007 (8. Tag)
von Los Arcos nach Navarrete (42,2 km)


Ich glaube das Thema "Loslassen" wird mich bis zum Ende des Weges begleiten. Heute habe ich bis 4 Uhr sehr gut geschlafen, bin dann aber bis 6 Uhr liegen geblieben. Um 06:45 Uhr ging's los. Heute waren erstaunlicherweise viele Pilger bereits frueh unterwegs. Mein heutiges Thema ist "anderen Menschen Frieden wuenschen", und das habe ich heute oft in vielen Sprachen zum Erstaunen anderer gemacht.

                            Weinberge in der Region Navarra                  Nistende Störche auf jedem Kirchturm                  Torres del Rio                               

Nachdem ich Sansol, Torres del Rio und Virgen del Poyo hinter mir gelassen habe, mache ich meine erste Pause in Viana. Dort habe ich Jan und Andreas aus Dessau getroffen. Wir hatten uns einen Tag vorher bereits nett in Lorca unterhalten, sehr angenehme Zeitgenossen, gute Einstellung, einfach nett.

Jan haette ich gerne naeher kennengelernt.

Jan und Andreas aus Dessau                Der obligatorische Milchkaffee                Jan und Andreas vor Navarrete   

Die Beiden haben mir erstmal den Rucksack richtig eingestellt. Den Rest des Tages haben wir gemeinsam verbracht, ich habe dabei Zeit und Entfernung vergessen. In Logrono hat Andreas eine Flasche Wein spendiert. Danach hatten wir eigentlich alle keine Lust mehr weiterzulaufen.

Im Parque la Grajera haben wir im Gras gelegen und keiner hatte Lust zum Fotografieren.

Um 19:00 Uhr erreichen wir Navarrete, aber die Pilgerherberge ist voll. Andreas und Jan bestellen sich ein Taxi und fahren nach Ventosa, weil ihnen dort eine schoene Pilgerherberge empfohlen wurde. Ich sage zu ihnen, dass es mir leid tut, ich das aber nicht machen kann, und bis Ventosa weiterlaufen geht auch nicht mehr. Wir haben uns verabschiedet und uns fuer den schoenen Tag bedankt.

Leider habe ich beide nicht mehr wieder getroffen - loslassen!

Danach bin ich zurueck zur Pilgerherberge, weil ich dachte, vielleicht bekommt einer noch leichter ein Bett als drei, aber nichts zu machen. Zwei sehr nette Pilger aus Barcelona, Juan und Gabriel, sind sehr hilfsbereit und besorgen mir eine sehr saubere Ausweichunterkunft etwas ausserhalb fuer € 10.

Juan und Gabriel aus Barcelona

   Um 20:30 Uhr bin ich fertig mit Auspacken, Duschen, Waschen und der Welt. Ich finde ganz in der Naehe ein nettes Restaurant, wo es fuer € 8,50 ein Pilgermenue gibt (Salat, Rindergulasch, Schafskaese und Bier). Ploetzlich kommen Ivan und Chantal herein. Wir hatten uns seit ein paar Tagen schon immer wieder mal getroffen.

Chantal aus Toulouse und Iwan aus der Schweiz

 Schade, dass mein Franzoesisch nicht ausreicht. Und wieder loslassen, gute Nacht und ... tschuess.
 

 

 

Sonntag, 22.04.2007 (9. Tag)
von Navarrete nach Azofra (23 km)


Was fuer ein wunderschoener Sonntag, ich bin sooo gluecklich.

Um 14.45 Uhr sitze ich in einer spanischen Kneipe in Azofra und trinke ein grosses Alster. Hombre, ist das ein Geschrei hier bei den Einheimischen. Alles schreit und palavert.

Gestern habe ich mich ein wenig uebernommen. Immerhin liegen die Temperaturen seit Tagen bei ueber 27 Grad. Die gestrige Unterkunft war ok. Von allen Betten waren nur drei Schlafplaetze belegt, also sehr ruhig.

So viele Menschen, die mir begegnen, wuenschen "Buen Camino" und winken. Auch die Natur wird von Tag zu Tag lauter und intensiver. Die Idee mit dem Weg war eine der besten Entscheidungen meines Lebens, zumindest bis jetzt. Nun ist eine Woche rum und die ersten 200 km sind geschafft.

Nachdem ich Navarrete verlassen habe, erreiche ich das beruehmte Tal der Steinmaennchen. Hier baut jeder Pilger aus den Findlingen ein Steinmaennchen, und jedes hat seinen Sinn. Ich geniesse ganz einfach den Anblick.

Tal der Steinmaennchen

 An jedem Tag gewinne ich ein Stueck von der Natur zurueck, das in den letzten Jahren verloren gegangen schien. Gestern habe ich die Region Navarra im Baskenland verlassen und nun befinde ich mich in der Region La Rioja.

Unendliche Weiten in der Rioja

In der Pilgerherberge "La Fuente", Betreiber ist Roland aus Aachen, habe ich einen Schlafplatz bekommen. Ich teile das Zimmer mit drei aelteren Damen, Renate, Brigitte und Hildegard aus Moenchengladbach. Hildegard wollte gleich meine Emailadresse haben. Ich habe darauf verzichtet. Auch die beiden vielgeschwaetzigen Oesterreicherinnen, die mir immer und immer wieder begegnen, werde ich nicht mehr quitt. Ich kann soviel laufen, wie ich will, wo ich uebernachte, sind sie auch. Was soll es bedeuten? Egal! Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass Respekt und Toleranz meine Devisen sind. Christian aus Deutschland, der in ihrer Begleitung ist, ist ein ganz netter. Ihn treffe ich auch spaeter in Santiago wieder.

 Fuer den Rest des Tages ist Relaxen angesagt.

Ach nee, da war ja noch was: Fisch und Micha haben mich angerufen, und mir gesagt, dass sie "meinen" Gesuchten festgenommen haben. Komisch, eigentlich hat es mich kaum interessiert. Momentan ist fuer mich viel wichtiger, wie sich die Liebe von mir und meinem Schatz weiter entwickeln wird.

Und wo ich so an meinen Schatz denke, geht mir das Lied

Ich schnitt es gern in alle Rinden ein oder Ungeduld

von Wilhelm Mueller, vertont von Franz Schubert, nicht mehr aus dem Kopf.
 

 

 

Montag, 23.04.2007 (10. Tag)
von Azofra nach Villamayor del Rio (33,5 km)


Wow, heute war anstrengend, weil sehr heiss, aber eine Deutsche hat mir schon gesagt, dass es ab Mittwoch regnen wird. Manche Menschen wissen halt alles, nur ich lasse alles auf mich zukommen, und ich weiss, dass es fuer mich nicht regnen wird. Meine Devise ist auch weiterhin "loslassen". Heute sind "vertrauen" und "annehmen" dazu gekommen. Gestern abend habe ich auch Ivan und Chantal wieder getroffen. Marie habe ich nicht mehr gesehen, schade. An dem Abend, als ich sie zum letzten Mal gesehen habe, bat sie mich darum, fuer sie zu beten, das habe ich auch gemacht. Was mit ihr geschehen ist, weiss ich nicht ... loslassen!

Nach einem gemeinsamen Fruehstueck in der Pilgerherberge "La Fuente" ging es um 06.45 Uhr los. Ich habe noch einige Kilometer einen Sonnenhut mitgeschleppt, den ein anderer Pilger in der Herberge vergessen hatte. Die Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada hat mir sehr gut gefallen. In der Kirche wird ein Paar weisser Huehner gehalten zur Erinnerung an das Wunder von Santo Domingo. Eine unfreundliche Dame kassiert € 2 Eintritt, und obwohl ich mich dreimal uebertrieben freundlich fuer das Wechselgeld bedanke, hat sie es nicht kapiert. Fuer mich war der Besuch der Kathedrale ein weiterer Ort der Einkehr. Diese Einkehr habe ich auf dem Camino aber viel intensiver erlebt. Im gleichen Ort habe ich mich erstmal mit Blasenpflaster und Blaettchen fuer meinen Tabak versorgt. Nach einer "Brotzeit" ging es weiter. Roland hat in Redecilla del Camino eine Pilgerherberge empfohlen, aber mitten durch den Ort verlief die Landstrasse, nein danke!

Eine sehr schoene Pilgerherberge habe ich in Villamayor del Rio angetroffen, obwohl auch hier die Landstrasse durch den Ort - aber kaum hoerbar - verlief. Vater organisierte und Mutter kochte. Ich habe mit Chantal und Ivan zusammen gegessen und gequatscht. Ja, ich auf Franzoesisch - eine andere Sprache konnten beide nicht - und beide meinten, mein Franzoesisch sei gar nicht so schlecht. Abends wurde es sehr kalt, also frueh ins Bett, aber niemand zum Kuscheln - nur Schnarcher.

Ich wuerde gerne einen Tag an einem Ort verbringen, in dem es ein Freibad gibt!
 

 

 

Dienstag, 24.04.2007 (11. Tag)
von Villamayor del Rio nach Ages (32,7 km)


Heute war physisch und psychisch mein bislang schwerster Tag! Im Laufe des Tages habe ich oft an meiner Entscheidung gezweifelt, aber es gibt kein Zurueck!

Morgens war es dann noch kaelter. Ich zuerst los mit Jacke, die hatte ich bisher nicht gebraucht. Ich befinde mich jetzt in der autonomen Region Castilla y Leon. Der Weg verlief zeitweise gefaehrlich nah an der Landstrasse, die echt nervt. Manchmal hupen Lkw-Fahrer, aus welchem Grund, weiss ich nicht. Wuenschen sie mir "Buen Camino" oder nerve ich als Pilger auf der Landstrasse?

Es war zwar sehr schoen, nach Tagen durch Wiesen und Felder, jetzt durch Waelder zu wandern, aber Hombre, war ich scheisse drauf. Die Kraft, die ich dann bekam, war totale Gnade. Es ging 12 km bzw. 3:15 Stunden auf 1162 m Richtung San Juan de Ortega. Ich habe gezweifelt und geweint ueber den heutigen nicht enden wollenden Weg.

Richtung San Juan de Ortega

Da tauchte ploetzlich aus dem Nichts diese Staubwolke auf, so wie ein kleiner Wirbelsturm, aber sie erfuellt mich irgendwie mit einem Kribbeln. Es war einfach wunderbar, auf einmal diese Gnade, Kraft und diesen Mut zu spueren. Vollkommen aufgewuehlt erreiche ich gegen 15.00 Uhr San Juan de Ortega.

San Juan de Ortega

Ich gehe in die dortige kleine Kirche und habe das Beduerfnis, mich vor dem Altar auf den Bauch zu legen und zu danken, was ich auch tue. Wow, jetzt geht's mir besser. Der Kirchenboden kuehlt meine innere Hitze und Aufgewuehltheit schnell ab.

Danke, ihr Maechte des Universums! Danke, Goettlicher Vater!

Gluecklich und zufrieden endet mein Tag um 16.30 Uhr in der sehr schoenen und freundlichen Pilgerherberge "El Pajar" in Ages bei einem leckeren Rotwein!

Rechts Pilgerherberge "El Pajar" in Agés

In der Pilgerherberge "El Pajar" arbeitete Beatriz, ein junges Maedchen aus Argentinien, so um die Ende 20. Sie war herzensgut und um mein Wohlergehen bemueht: Miguel hier und Miguel da. Essen war sehr gut: Salat, Paella und Nachtisch ... und wieder Wein ... diesmal der etwas herbere Rioja und nicht mehr der liebliche Navarra.

Manchmal nerven andere Pilger, die mir ein Gespraech aufzwingen wollen, aber das sehe ich mittlerweile gelassener. Ich mache es nicht zu meinem Problem.

Ueberall auf den Kirchtuermen nisten die Stoerche ... und ueberall diese wundervollen Lebewesen ... die Schwalben. Ich fuehle mich von meiner Familie ueber alles geliebt, und irgendwie ist dieser Weg auch ein Weg zurueck nach Hause.

Ich stelle gerade fest, dass ich das erste Drittel geschafft habe. I am sure I will make it to Santiago de Compostela and even more to Finisterre, thank you!
 

 

 

Mittwoch, 25.04.2007 (12. Tag)
von Ages nach Burgos (26 km)


Um 07.00 Uhr ging's los von Ages (966 m) ueber Atapuerca, dann einen steilen Aufstieg auf die Hochebene Matagrande (1078 m), weiter ueber Cardenuela und Orbaneja bis Castanares. Von dort aus 2:30 Stunden parallel zum Rio Arlanzon durch das Naherholungsgebiet Fuentes Blancas.

Rio Arlanzon bei Burgos

Gegen 13.00 Uhr komme ich in Burgos an. Kurz vor der Catedral de Santa Maria spricht mich ein aelterer Herr an und will mir den Weg zur Pilgerherberge "El Parral" erklaeren. Ich sage "muchas gracias senor" und erklaere, dass eine Pilgerherberge heute fuer mich nicht in Frage kommt, vielleicht ein Hostal. Er empfiehlt mir das "Hotel Espana;, gleich in der Naehe der Kathedrale. Ich gleich hin und bekomme in diesem alten Hotel fuer € 35 ein schoenes, sauberes Einzelzimmer ohne Fruehstueck. Danke fuer Deine Kraft, Deine Gnade, Deinen Mut und die grenzenlose Liebe meiner Familie.

Nachdem ich mein Zimmer bezogen habe, mache ich einen Stadtrundgang.

Catedral de Santa Maria              Hotel Espana              Zwei ruhende Pilger

Langsam gehe ich zum Hotel zurueck, um mich etwas auszuruhen und frisch zu machen. Als ich auf der Paseo Del Espolon auf dem Weg zum Hotel bin, hoere ich ploetzlich laut "Mike" rufen. Ja, da sitzen sie, Renate und Brigitte aus Moenchengladbach. Auch anderen bin ich in Burgos wiederbegegnet.

Nun sitze ich im Hotel Espana, schreibe die ersten Karten und mein Tagebuch, und bin ganz gluecklich.

Gegen 17.00 Uhr stelle ich fest, dass es zum ersten Mal regnet. Gute Entscheidung fuer den Zwischenstopp in Burgos. Ich hoffe auf Morgen. Jetzt noch mehr, da der Tag naemlich als Tag des Beschisses endet.

Nachdem ich Einkaufen war und nach einer Cervezeria suche, finde ich ein kleines Lokal in der Naehe der Kathedrale. Vor 21.00 Uhr sucht man naemlich vergeblich nach einem Esslokal. Dort bezahle ich fuer einen kleinen "Tapas-Teller", Brot und zwei Bier sage und schreibe € 18. Dafuer war der Morcilla, eine mit Reis, Zwiebeln und Pfeffer verfeinerte gebratene Blutwurst sehr lecker.
 

 

 

Donnerstag, 26.04.2007 (13. Tag)
von Burgos nach Hontanas (30,7 km)


Seit gestern regnet es ununterbrochen. Gestern noch fuehlte ich mich sauwohl, heute sehe ich aus wie Sau.

Es schien unendlich lange, bis ich Burgos endlich verlassen hatte. Ueber Villavilla de Burgos ging es zunaechst nach Tardajos. Hombre, zog sich der Weg. Dann ging es die naechsten Stunden ueber Rabe de las Calzadas, Hornillos del Camino und Arroyo San Bol durch Matsch, Schlamm und Geroell bis Hontanas. Dann ging nichts mehr. Alles nass und schmutzig. In der Pilgerherberge "El Puntido" raus aus den Klamotten und geduscht. Meine Sachen konnte ich nicht waschen, weil vor mir zu viele da waren um zu waschen. Also warten, Sachen trocknen lassen und Morgen mit schmutzigen aber trockenen Klamotten weiter.

Leider habe ich mich davon abschrecken lassen, dass es laut Wanderfuehrer in der Pilgerherberge Arroyo de San Bol, einsam in einer Senke gelegen, keinen Strom und keine sanitaeren Anlagen gibt, denn sie sah von Weitem eigentlich ganz schnuckelig aus.

Pilgerherberge von Arroyo de San Bol

Spaeter habe ich dann von einer aelteren Pilgerin erfahren, dass es eine der einfachsten, aber auch interessantesten und schoensten Pilgerherbergen auf dem Camino war. Sie hatte allerdings den Eindruck, dort seien alle bekifft gewesen.

Ich bin weiter zur Pilgerherberge El Puntido in Hontanas gelatscht. Dort habe ich Siggi aus Wien kennengelernt, der seit Ende Februar unterwegs ist. Im Verlauf unseres kurzen Gespraechs fragt mich Siggi, wie ich es denn mit meiner Intimsphaere halten wuerde. Zunaechst habe ich ihn nicht verstanden oder seine Frage auch falsch interpretiert, dann habe ich gesagt, dass ich nach dem Tag viel zu kaputt sei, um mir darueber Gedanken zu machen.

Ich muss noch so viel lernen! Ja soviel ... und Morgen ist ein neuer Tag!
 

 

 

Freitag, 27.04.2007 (14. Tag)
von Hontanas nach Boadillo del Camino (29,7 km)


Heute war ein ereignisreicher Tag. Wie und wo fange ich an? Leider bin ich mit Durchfall aufgestanden, und so habe ich mich heute von Ort zu Ort "gekaempft". Noch bin ich meiner Planung einen Tag voraus. Demnach muesste ich die 100 km von Santiago de Compostela nach Cabo Finisterre auch noch schaffen ... und das wuensche ich mir schon.

Gestern abend habe ich mit den Gladbacher Maedels noch ein paar Bier bzw. Wein getrunken, und war um 22.00 Uhr im Bett. Heute um 07.00 Uhr raus aus dem Schlafsack und eine halbe Stunde spaeter ging's los.

Es hatte die ganze Nacht geregnet, aber als ich die Herberge verliess, hoerte es auf. Die 2:15 Stunden durch Matsch wollte ich mir nicht antun, also ging es mit "Oh what a beautiful morning" erstmal ueber Asphalt ueber San Anton bis Castrojeriz.

Straße nach Castrojeríz             San Anton  

Es wehte ein eiskalter Wind, als ich dort ankomme. Verzweifelt suche ich die erste Bar (spanische Bezeichnung fuer ein Cafe), um mich zu "erleichtern". Schwups, schon ist eine da und ich sofort aufs Klo, nachdem ich mir einen Milchkaffee bestellt hatte. In der Bar lief klassische Musik. Als dann das Air von Bach lief, stieg ein Kribbeln in mir hoch und meine Augen fuellten sich mit Traenen, aber nicht vor Traurigkeit, sondern weil ich einfach nur geruehrt war. Der Hund des Hauses - ein einjaehriger Mischlingsruede mit dem Namen "Dali" kam auf mich zu und schmiegte sich an mein Bein. Er wich mir nicht mehr von der Seite. Die Dame des Hauses sagt mir, dass "Dali" Pilger lieben und sie immer ein Stueck des Weges begleiten wuerde. Das tat er spaeter auch fuer etwa eine halbe Stunde, dann war er verschwunden. In der Bar bot man mir ein Stueck selbstgebackenen Kuchen an, aber das Stueck war mir zu gross. Also schnitt man ein Stueck davon ab und ich bekam es als "Geschenk des Hauses".

Danach wurde es anstrengend und es ging auf den Tafelberg Alto de Mostelares (911 m), und das dann auch bei Regen, aber es war einfach nur wunderschoen. In dieser grenzenlosen Weite geraet das Zeitgefuehl vollkommen durcheinander, und da ich keine Uhr mithabe ...

Blick vom Tafelberg auf Castrojeriz                In weiter Ferne Itero de la Vega

Nach etwa 2:45 Stunden erreiche ich den Ort Itero de la Vega und mache eine Pause. Der Ort war schon laengere Zeit in Sichtweite, er schien aber einfach nicht naeher zu kommen. Ich hatte das Gefuehl, 5 Stunden gelaufen zu sein. Da ich schon wieder einen starken Darmdruck verspuerte, meine Klamotten voller Matsch und Schlamm schon seit zwei Tagen trug und ich es einfach satt war, suchte ich schon eine Uebernachtungsmoeglichkeit, aber es war erst 13.30 Uhr.

Nachdem ich mich erleichtert hatte, habe ich entschieden weiter zu gehen, und das war gut so. Die endlose Weite des Himmels hat mich begeistert. Nach einer Zigarettenpause ging's weiter und gegen 16.00 Uhr erreiche ich die Pilgerherberge "Albuerge En el Camino" in Boadillo del Camino.

Albuerge En el Camino in Boadillo del Camino

Ich wurde belohnt, weil es einfach eine der schoensten Pilgerherbergen war, die ich bislang in den 14 Tagen kennenlernte. Es ist eine private Pilgerherberge, aber sehr freundliche Menschen, und dort wurde auch meine Waesche gewaschen. Jetzt sehe ich auch andere neue Leute, obwohl ich keinen grossen Wert auf irgendwelche "schlauen" Gespraeche lege.
 

 

 

Samstag, 28.04.2007 (15. Tag)
von Boadillo del Camino nach Carrion de los Condes (25,5 km)


War das heute der letzte Tag meiner Pilgerreise?

Nach einem tollen Abend und super Essen in der Pilgerherberge, ich habe mich tatsaechlich mit der Familie der Herberge auf Spanisch unterhalten, wache ich heute morgen mit starken Schmerzen im linken Schienbein auf. Wie soll es nun weitergehen? Es scheint eine Muskel- oder Sehnengeschichte zu sein. Ich weiss es nicht. Ich habe mich die 25,5 km von Boadillo del Camino nach Carrion de los Condes gequaelt. Waehrend der ganzen heutigen Etappe habe ich mich gefragt, ob ich abbrechen soll. Eine schwere, ja die schwerste bisherige Krise auf dem Weg. Aber Krise heisst ja Gefahr und Chance. Tja, und dann meine Ungeduld.

Ich mache mir Sorgen, wie es jetzt weitergehen soll, da die schwierigsten Etappen eigentlich jetzt erst beginnen, d.h. 12 bis 20 km bzw. 3 bis 5 Stunden ohne eine Ortschaft, und Morgen waeren es 13 km bzw. 3:30 Stunden ohne einen Ort, ohne Unterkunft, ohne Einkehrmoeglichkeit. Dabei haette ich Morgen die Haelfte geschafft und die heutige Etappe war trotz allem superschoen.

Von Boadillo del Camino verlief der Weg parallel zum Rio Ucieza, vorbei an Fromista, Poblacion de Campos, Revenga de Campos, Villarmentero de Campos, bis Villovieco.

Canal de Castillo bei Fromista                    Bruecke vom Nirgendwo ins Nirgendwo

Die letzten 12 km waren einfach nur noch Quaelerei parallel zur Landstrasse bis nach Carrion de los Condes. Zudem ist die Pilgerherberge Santa Maria del Camino auch ein bisschen schmuddelig und ueberall haengen Verbotsschilder: hier nicht den Pilgerstab abstellen, dort nicht den Rucksack ablegen usw. Die Waende scheinen schier mit Verbotsschildern tapeziert worden zu sein. Das war mir bisher noch nirgendwo aufgefallen. Ich bezahle eine Zwangsspende in Hoehe von € 5 und darf mir noch eines der wenigen freien Betten aussuchen.

Dann habe ich erstmal meine Schwester angerufen und mich "ausgeweint". Sie hat mich getroestet, mich "aufgebaut" und mir neuen Mut gegeben. Um 18.00 Uhr war ich dann zur Pilgersprechstunde beim oertlichen aerztlichen Notdienst. Der Arzt ist sehr nett und erklaert mir auf Franzoesisch, dass dies eine Art Sehnenscheidenentzuendung sei. Er schimpft auch ueber meine an Anzahl zugenommenen Blasen. Ich sage ihm, die seien nicht schlimm und frage mit wahrscheinlich bebender Stimme, ob der Weg fuer mich zu Ende sei. Er sagt "Non", ich soll es nur langsamer angehen. Mein Schienbein wird bandagiert und er gibt mir Schmerztabletten fuer drei Tage mit. Er meint, dass es bald besser sein muesse. Ich solle mich aber schonen und vielleicht auch eine Pause einlegen. So, und jetzt geht's mir wieder besser. Jetzt freue ich mich wieder auf Morgen und verstehe, dass auch absolute Tiefpunkte auf diesem Weg erforderlich sind. Leider habe ich den Hinweis mit der Pause zu diesem Zeitpunkt (noch) nicht verstanden.

Dafuer gab's aber auch noch zwei positive Erlebnisse:

Die Arzthelferin meint, die Behandlung wuerde € 25 kosten, weil ich keine Krankenversichertenkarte habe. Daraufhin sagt der Arzt "nein", von einem Pilger nehme er kein Geld und wuenscht mir einen guten Weg.

In der lauten Bar, in der ich gerade sitze und schreibe, prosten mir dauernd ein paar "Jungs" mit den Worten "He peregrino ... cheers" zu. Es ist das erste Mal, dass ich ein paar nette "Jungs" sehe, oder nehme ich sie jetzt erst wahr?

Der Rest fuer heute ist Leere ...
 

 

Sonntag, 29.04.2007 (16. Tag)
von Carrion de los Condes nach Calzadilla de la Cueza (18 km)


Ich war heilfroh, als ich heute morgen gegen 07.00 Uhr die Pilgerherberge verlassen konnte. Ich habe in einer "Bar" gefruehstueckt und mich um 08.00 Uhr auf den Weg gemacht.

Mein heutiges Etappenziel war eigentlich Terradillos de los Templarios. Von Carrion de los Condes ging es vorbei am Monasteiro de San Zoilo. Dann begann die alte Roemerstrasse "Via Aquitana", die sich schnurgerade durch die fast baumlose, mit Getreidefeldern kultivierte Ebene zieht. Wunderschoenes, flaches Gebiet, aber auf einer Strecke von 18 km gibt es keine Einkehrmoeglichkeit. Mehr als die 18 km habe ich heute auch nicht geschafft. Der Weg wurde fuer mich immer beschwerlicher, und zuletzt zur Tortur. Ich war froh, als ich nach 6 Stunden mit meinem Pilgerstab, der mittlerweile als "Krueckstock" diente, die Pilgerherberge "Camino Real" erreichte.

            Beginn der Via Aquitana                    Fuer meine Lieben daheim          Blick auf Calzadilla de la Cueza          Nene vor der Pilgerherberge Camino Real

Tja, nun wuenschte ich mir schon seit einigen Tagen, einen Tag an einem Ort verbringen zu koennen, in dem es ein Freibad gibt, aber "koalt is woard'n", und so kann ich den hier befindlichen schoenen Pool nicht nutzen, zumindest nicht zum Schwimmen.

"Wenn mir mit meinem Fuss nur jemand helfen koennte", habe ich gedacht.
Dabei lag ja alles an mir selbst.

So, und von jetzt an muss ich mit meinen Wuenschen aufpassen,
weil sie sich viel zu schnell erfuellen!

Bei meiner Ankunft spricht mich der Hospitalero (Verantwortlicher der Pilgerherberge) an und stellt mit einem Blick fest, dass ich in meinem linken Fuss eine Sehnenscheidenentzuendung habe. "Zufaellig" ist er auch noch Physiotherapeut. Nene, so heisst der braungebrannte Brasilianer, kommt aus Salvador da Bahia, und sagt, dass ich zwei Tage hierbleiben muesse, ansonsten sei der Weg fuer mich zu Ende.

Ok, sehe ich ein. Ich bekomme ein separates Bett in der zweiten Etage. In diesem Pilgersaal von 16 Etagenbetten bin ich ganz allein, waehrend in der ersten Etage alles voll belegt ist. Einige Pilger schauen mich skeptisch an, als ich von oben runterkomme. Sie tuscheln und sind verwundert ueber die Sonderbehandlung.

Danach schliesst Nene ein Impulsgeraet an meinen Fuss. Der Knoechel war mittlerweile stark angeschwollen. Danach 30 Minuten die Fuesse in den eiskalten Pool und anschliessend eine Fussmassage. Nene meint, um 22.00 Uhr wuerden wir die gleiche Prozedur noch einmal durchziehen. Von Geld will er nichts wissen.

Um 17.00 Uhr mache ich mich auf den Weg zum einzigen Restaurant im Dorf, das natuerlich "Camino Real" heisst, um dort mein Tagebuch zu schreiben, und um 19.00 Uhr dort zu essen. Uebrigens das Pilgermenue kostet hier sage und schreibe € 8,50. Es besteht natuerlich aus drei Gaengen und einer Flasche Rotwein.

Ich komme in die Bar, und wen treffe ich dort? Ivan und Chantal! Die Freude war uebergross, und so haben wir erstmal eine Flasche Rotwein "gekoepft", die in diesem Restaurant € 4 kostete.

Um 19.30 Uhr haben wir drei dann zusammen gegessen. Als Vorspeise gab's eine leckere Fischsuppe, als Hauptspeise ein supertolles Fischfilet und als Nachspeise Kuchen, dazu eine Flasche Rotwein und eine Flasche Wasser. Ich war ziemlich angetrunken, als ich mich um 21.45 Uhr auf den Weg zur Pilgerherberge machte. Ich hatte ja noch eine Fussmassage zu erwarten, und Nene gab sich alle Muehe.

Tja, eigentlich wollte ich heute die Haelfte des Pilgerweges geschafft haben, aber nun habe ich noch 402,1 km vor mir, und dafuer noch 17 Tage Zeit bis Santiago de Compostela. Zum Cabo Finisterre kann ich schliesslich ja auch mit dem Bus fahren. Nene sagt, ich solle viel Milch und Wasser trinken, viele Bananen essen und meine Fuesse taeglich nach der Wanderung fuer mindestens eine halbe Stunde kuehlen, am besten mit Eiswuerfeln.
 

 

 

Montag, 30.04.2007 (17. Tag)
Calzadilla de la Cueza


Hombre, war das schoen, als ich heute morgen nach einem tollen und erholsamen Schlaf um 07.00 Uhr aufwache, und die Pilger in der unteren Etage hoere, wie sie ihre Sachen packen, und sich auf den Weg machen.

Ich habe noch schoen bis 09.00 Uhr in meinem Bett gekuschelt, dann weckt mich Nene mit einem leckeren Fruehstueck, natuerlich mit heisser Milch und Huevas Fritas.

Heute regnet es wie aus Eimern. Ich schaue aus dem Fenster auf die "Via Aquitana" und sehe die ersten durchnaessten Pilger in Calzadilla de la Cueza ankommen, und wie sie sich dann weiter durch den Ort in Richtung Ledigos quaelen. Ich geniesse meinen "freien" Tag, und will geduldig auf meine "Genesung" warten. Danke fuer alles, Goettlicher Vater, ihr Maechte des Universums, und ihr, meine geliebte Familie. Ich werde irgendwie bescheidener, was meine Wuensche angeht. Die Dinge des taeglichen Lebens bekommen eine andere Bedeutung. Ich kann trinken, essen, schlafen, duschen und mit anderen Menschen sprechen, wenn ich will. Was kann man sich, verbunden mit den Wundern der Natur, noch mehr wuenschen? Ich freue mich auf mein Zuhause!

Waehrend ich hier im Zimmer von Nene mein Tagebuch schreibe, reinigt er mit einem lauten Singen die Pilgerherberge, waescht und putzt, und irgendwie erinnert mich sein Verhalten an den Film "Ein Kaefig voller Narren". Ich habe Nene angeboten, beim Putzen oder Waschen zu helfen. Das hat er mit den Worten "ich solle mich schonen und den Tag geniessen" abgelehnt. Jetzt freue ich mich aber doch, denn mein Spanisch wird immer besser, und hinzu kommen die Konversationen in Franzoesisch, denn Chantal und Ivan sprechen zu meiner Verwunderung keine andere Sprache ausser Franzoesisch.

Gegen 14.00 Uhr habe ich Nene zum Mittagessen eingeladen. Das einzige Restaurant (Bar, Cafe, Kneipe) im Dorf ist auch noch supergut! Als Vorspeise Makkaroni, als Hauptspeise dicke Rippe und als Nachspeise Zitronencreme, dazu Wein, Wasser und Brot fuer € 8,50 pro Person.

Fuer die zusaetzliche Nacht und die Behandlung will Nene immer noch nichts haben. Dafuer habe ich ihm meinen Talisman, ein Stoffmaeuschen, das mich bisher auf jeder Reise begleitet hat, dagelassen. Fuer mich war das eine schmerzliche Trennung, aber etwas sehr Persoenliches. Er hat sich darueber erstaunlicherweise riesig gefreut, und es sofort auf den Fenstersims mit Blickrichtung Pilgerweg gestellt. Noch eine Massage und den Rest des Tages ausruhen. Nene meint, dass ich bis Morgen Geduld haben muesse, dann werde man weiter sehen.
 

 

 

Dienstag, 01.05.2007 (18. Tag)
von Calzadilla de la Cueza nach Sahagun (22,8 km)


Heute morgen hat sich Nene noch mal meinen Fuss angesehen, bandagiert ... und ich kann tatsaechlich weiter. Er verspricht mir sogar, dass ich den Weg bis zu Ende schaffe.

Noch bin ich sehr skeptisch, aber ich muss ganz einfach vertrauen.

Nach dem Fruehstueck im einzigen Restaurant bin ich los.

Hehe Micky, sag ich zu mir, was ist los?

Ich lief irgendwie wie auf Watte, keine Probleme, keine Schmerzen und mein Rucksack fuehlte sich so leicht an. Ich weiss, dass diese Pause sein musste, und wenn mein Fuss nicht "gestreikt" haette, waere ich einfach weitergelaufen, und was haette ich vielleicht alles verpasst. Nun weiss ich auch, dass ich mehr auf meinen Koerper hoeren, und mehr in mich selbst hineinhoeren muss - habe ich das jemals schon einmal getan? Schliesslich bin auch ich eine Einheit aus Koerper, Seele und Geist und das ist ein Geschenk. Danke Goettlicher Vater fuer das Geschenk der Einsicht und des Verstaendnisses.

Nach wenigen Kilometern habe ich heute tatsaechlich die Haelfte des Weges geschafft.
Warum habe ich nicht vertraut sondern gezweifelt?

Von Calzadilla de la Cueza geht es ueber Ledigos nach Terradillos de los Templarios. Dort Kaffeepause und Zigarettchen. Ich muss einfach mehr Pausen machen und mehr Wasser trinken!

Ich konnte nicht erwarten, dass mich kurze Zeit spaeter schon wieder ein Wunder erwarten wuerde. Lange habe ich laut vor mich hingesprochen und mich fuer alles bedankt, denn eins habe ich auf diesem Weg ganz besonders schaetzen gelernt: das Wasser! Wie lange habe ich diese Kraft nur erahnt bzw. sogar Angst vor ihr gehabt. Gedankenverloren und voller Glueck gehe ich weiter durch Felder und Wiesen.

Ploetzlich taucht vor mir ein kleines Stueck Baumbestand auf. Ich denke, Du siehst nicht richtig, nein, ich muss einfach traeumen! Links und rechts zwei Parkbaenke und in der Mitte, wie auf einem Altar, mitten im Nichts, Kaffee, Tee, Kuchen, Snacks, Suessigkeiten und Obst.

Ohne Worte

Daneben ein Schild mit einer kleinen Spendenbox: "Fuer den Pilger". Ich nehme mir voller Ehrfurcht eine Orange, stecke etwas in die Box, danke und gehe weiter. Dann ueberkam es mich, ich konnte mich nicht mehr beherrschen und brach in Traenen aus. Eine Viertelstunde kann ich mich nicht mehr beruhigen, so dankbar und geruehrt war ich. In Moratinos habe ich dann die Orange gegessen und Brunnenwasser getrunken, und ich glaube, das war die leckerste Orange meines Lebens.

Dann ging es weiter ueber San Nicolas del Real Camino bis Sahagun, wo ich um 14.00 Uhr eintreffe. Nene hat mir dort die Pilgerherberge "Viatoris" empfohlen. Schon wollte ich weitergehen: zwei Stunden gehen doch noch! Nein, STOP! Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich heute schon wieder 22,8 km gelaufen bin. Hehe, Micky, Du hast Zeit. Ich habe mich in der Pilgerherberge "Viatoris" angemeldet, mein "Bett" hergerichtet, meine Waesche gewaschen, und dann - wie von Nene "befohlen" - meine Fuesse eine Stunde lang in Wasser mit Eiswuerfeln gekuehlt und dann massiert. Sie sind naemlich Bestandteil von mir, und das soll ich jeden Tag bis zum Ende meines Weges machen. Als ich die Bandage abnehme, tut mir der Fuss doch wieder ein bisschen weh, also weiterhin langsam, langsam, langsam.

Nachdem ich mich etwas ausgeruht habe, werde ich jetzt essen und ein paar Wein trinken. Schauen wir mal, was Morgen ist. Morgen ist bestimmt ein neuer Tag - und ich freue mich.

Danke!
 

 

 

Mittwoch, 02.05.2007 (19. Tag)
von Sahagun nach Reliegos (30,7 km)


Nach dem wunderschoenen gestrigen Tag ging ich heute durch ein ganz finsteres Tal: schmerzender Fuss, Mutlosigkeit, Frustration, Misstrauen, Kraftlosigkeit.

Den ganzen Tag stelle ich mir die Frage: "Was mache ich hier ueberhaupt? Bin ich bescheuert?" Anstatt bei meinen Lieben zu sein, laufe ich hier durch die Gegend und quaele mich ab.

Jetzt, um 17.30 Uhr, nach einer Dusche und bei einem Glas Rotwein und einem Fussbad mit Eiswuerfeln geht es mir viel besser.

Aufgewacht bin ich heute um 04.40 Uhr und losgegangen bin ich dann um 05.20 Uhr. Die Herberge war - obwohl relativ neu - dann doch nicht so mein Fall: eine ausgebaute Scheune und saukalt.

Ich laufe zunaechst durch die dunklen Strassen von Sahagun. Ausser Hundegebell ist nichts zu hoeren. Dann wird es hell und die Natur erwacht. Hinter Calzada del Coto geht die Sonne auf und die Natur wird immer lauter. Jetzt wird mir auch klar, dass ich die Natur immer von "aussen" betrachtet habe, dabei bin ich ein Bestandteil.

Sonnenaufgang hinter Calzada del Coto

In Bercianos del Real Camino habe ich gefruehstueckt und bereits um 11.30 Uhr erreiche ich El Burgo Ranero. Jetzt die Frage: Was tun? Hier bleiben oder weiter nach Reliegos? Zuerst einmal meine Fuesse kuehlen. In der dortigen Pilgerherberge "Albergue Municipal Domenico Laffi" wird gerade sauber gemacht.

Albergue Municipal Domenico Laffi

Es handelt sich dabei um eine sehr schoene Herberge, aber es war mir einfach noch zu frueh. Ich frage freundlich nach, ob ich dort vielleicht ein Fussbad nehmen koenne? Selbstverstaendlich! Aus der Bar gegenueber bekomme ich eine Plastiktuete mit Eiswuerfeln. Vor dem offenen Kamin mit einem Scheit Holz und dem Geruch von Duftkerzen nehme ich mein Fussbad und bekomme auch noch eine Tasse Pfefferminztee. Dann treffe ich eine folgenschwere Entscheidung: ich gehe weiter und das heisst 12,8 km auf einem Fussweg durch Felder ohne Dorf oder Ort.

Warum habe ich nicht auf meinen Bauch gehoert? Immer diese Kopfentscheidungen!

Hombre, habe ich gekaempft, geschimpft und mich selbst gequaelt. Ich muss einfach bescheuert gewesen sein, meinem Fuss - nein mir - heute 30,7 km zuzumuten. Ich kann nur hoffen, dass es gut gegangen ist, ansonsten kann ich abbrechen. Ich habe schliesslich in den naechsten 15 Tagen noch 348,6 km vor mir, und wie soll ich das durchstehen mit einer Sehnenscheidenentzuendung im Fuss? Schliesslich muesste ich im Schnitt 24 km am Tag laufen, um das zu schaffen, und mit dem Bus abkuerzen, dazu bin ich zu stolz.

Dann lieber ganz abbrechen - Hallo, Micky! Geduld, Mut und Zuversicht!!!   

Die Pilgerherberge in Reliegos war meiner Meinung nach nicht so besonders. Ich hatte den Wanderfuehrer falsch interpretiert, denn dort wird die Pilgerherberge mit sehr guter Kueche beschrieben. Dabei war damit lediglich gemeint, dass die Kueche sehr gut ausgestattet ist. Die Duschen waren akzeptabel aber kalt.
 

 

 

Donnerstag, 03.05.2007 (20. Tag)
von Reliegos nach Leon (23,6 km)


Heute geht es in jeder Beziehung endlich wieder etwas besser. Ich muss noch laengere Pausen machen und noch langsamer gehen. Heute bin ich um 14.00 Uhr in Leon angekommen. Jetzt habe ich in den verbleibenden 15 Tagen noch 325 km vor mir.

Heute morgen ging es um 07.30 Uhr in Reliegos los. Die Gegend wird jetzt wieder viel abwechslungsreicher, Doerfer, Wiesen, Waelder und Berge.

Die 181 km von Burgos bis Leon zogen sich wie Kaugummi durch endlose Weiten und nicht enden wollende Wege und Horizonte. Hinzu kam kaltes Regenwetter mit tiefen wolkenverhangenen Horizonten. Dieser Abschnitt war fuer mich die Wanderung durch ein sehr tiefes Tal mit einigen wenigen, aber dafuer umso groesseren absolut spirituellen Hoehepunkten. Und ... auf dem gesamten Streckenabschnitt begleitete mich in meinem Kopf "Fields Of Gold" von Sting - und das gab Kraft!

Heute beginnt der Tag mit Sonnenschein aber sehr kalt. Die Luft und der Horizont sind vollkommen klar mit ein paar dicken freundlichen Wolken. Ueber Mansilla de las Mulas, Puente Villarente und Valdelafuente erreiche ich Leon, die Hauptstadt von Kastilien, eine Grossstadt mit einer sehr schoenen Kathedrale. Ich brauche zwei Stunden, um die Stadtmitte zu erreichen.

Kathedrale von Leon               Kathedrale von Leon            Rio Bernesga

In der Naehe der Kathedrale frage ich einen Polizisten, ob er mir ein Hostal bzw. eine Pension empfehlen kann. "Ja, gleich hier um die Ecke ist das Hostal "Guzman El Bueno", das ist preisguenstig und sehr gut" sagt er. Er hat mir wirklich nicht zuviel versprochen. Eine alte Pension, aber aeusserst sauber und alles duftet und blinkt. Die Betreiber, ein aelteres Ehepaar, so um die 70, sind sehr nett und bemuehen sich, deutsch zu sprechen. Ich bekomme ein Doppelzimmer fuer € 32 und werde gleich mit einem Eimer und Kuehlakkus fuer meinen Fuss versorgt. Jetzt erstmal ausruhen, duschen und dann auf zum Stadtrundgang.

Hostal Guzman El Bueno                Hmmm, Gambas mit Salat

Ich bin aeusserst dankbar, dass es mir heute wieder etwas besser geht. So muesste ich es schaffen. Auf dem gestrigen, kraeftezehrenden Weg wuenschte ich mir sehnlichst, dass ein Auto anhalten und mich mitnehmen wuerde. Heute bin ich froh, dass es nicht so war.

Eben stelle ich mit Erschrecken fest, dass ich meinen Plan verloren habe.
Also muss ich ab jetzt auch noch ohne meinen mit Akribie vorbereiteten Plan auskommen.
 

 

 

Freitag, 04.05.2007 (21. Tag)
von Leon nach Villar de Mazarife (24,3 km)


Heute wurde ich "erst" um 07.30 Uhr wach. Ich habe langsam gepackt, mich gewaschen, bezahlt und dann ging es los. Zunaechst dauerte es etwa zwei Stunden, bis ich mich aus Leon "rausgekaempft" habe. Viel Verkehr, viele Autos, viele Abgase. Zwischendurch noch ein kleines Fruehstueck und die erste Pause in La Virgen del Camino. Mein Fuss macht mir immer noch zu schaffen, aber es scheint besser zu werden. Wieder ein kuehler Tagesbeginn mit viel Sonne und klarem Blick. Weiter ueber schoene Orte, wie Fresno del Camino, Oncina de la Valdoncina, Chozas de Abajo bis Villar de Mazarife, wo ich um 14.45 Uhr ankomme.

Meine heutige Unterkunft ist die Pilgerherberge Tio Pepe. Eigentlich ist es ja ein kleines Restaurant und dort bekomme ich fuer € 5 in einem Vierbettzimmer meinen Schlafplatz. Gegessen, Fuesse gekuehlt, gewaschen und Tagebuch geschrieben. Mal sehen, ob ich es Morgen bis Astorga schaffe.

Cool bleiben, Du machst das schon.
 

 

 

Samstag, 05.05.2007 (22. Tag)
von Villar de Mazarife nach San Justo de la Vega (31,1 km)


Sehr schlecht geschlafen, weil voll der Vollmond in mein Zimmer strahlte. Dafuer hatte ich ein Vierbettzimmer fuer mich allein und ich konnte sogar heimlich am Fenster eine Zigarette rauchen.

Um 06.15 Uhr verlasse ich frohen Mutes meine Unterkunft. Es ist noch dunkel und der Wanderfuehrer verspricht, dass fuer den heutigen Tag zum letzten Mal Nervenstaerke fuer die rund 1:15 Stunden auf der schnurgeraden Landstrasse gefragt ist.

Gegen 07.00 Uhr haelt neben mir ein Auto, die Autoscheiben sind zum Teil noch zugefroren. Die Fahrerin sagt mir, dass ich auf der falschen Landstrasse bin, und bittet mich einzusteigen. Sie nimmt mich mit zurueck bis Villar de Mazarife und nachdem sie mich auf den richtigen Weg geschickt hat, beginne ich um 07.15 Uhr erneut. Ich nehme es gelassen, ja, ich nehme es gelassen. Dafuer erlebe ich einen schoenen Sonnenaufgang, der sich leider waehrend des gesamten Weges immer in meinem Ruecken befindet. Es ist saukalt und es weht ein eisiger Wind, aber es ist klar und wolkenlos. Spaeter waermt die Sonne ein wenig.

Von Villavante aus geht es durch ein Industriegebiet bis Hospital de Orbigo. Nicht gerade schoen. Dort mache ich eine erste laengere Pause und gratuliere Bernd telefonisch zum Geburtstag, natuerlich auf Spanisch. Weiter auf und neben der Landstrasse und dann ueber eine abgelegene Strasse bis Santibane de Valdeiglesias. Dort habe ich frisches Brunnenwasser "getankt". Anschliessend durch eine sanfte huegelige Landschaft, vom Wind gekuehlt und von der Sonne gewaermt bis zum Wegkreuz Santo Toribio. Von dort aus geniesse ich einen schoenen Blick auf San Justo de la Vega und Astorga. Wegen des "Umweges" von heute morgen werde ich mir in San Justo de La Vega eine Unterkunft suchen.

Ach ja, zum Umweg faellt mir da noch was ein. Als ich im 7. Schuljahr war, gehoerte ich der Arbeitsgemeinschaft "Laienspiel" an. Fuer eine Schulklasse, die in dem Jahr entlassen wurde, haben wir die verschienen Wege des Lebens dargestellt. Ich habe den Umweg von Rhoda vorgetragen, und Umwege war auch zeitlebens mein Thema.

 Aber fuer heute gilt:

Morgen ist auch noch ein Tag und dann sehen wir weiter.

   Blick auf San Justo de La Vega und Astorga

Ich habe im Hostal "Juli" fuer € 6 ein Bett in einem Sechsbettzimmer bekommen. Ich bin "noch" allein und habe frei Auswahl. Zimmer, Bett und Bad sind sehr sauber. So, Restaurants gibt es keine, also nur einen Riesen-Bocadillo, von dem ich nur die Haelfte schaffe, weil naemlich auch noch Wein rein muss.

Ich schoen um 21.00 Uhr ins Bett. Ich hatte zwar ein schoenes Sechsbettzimmer fuer mich allein, aber mein Zimmer war ueber der Kneipe. Das hiess, bis 01.00 Uhr gab es kostenlos Fussball auf einer Riesenleinwand, und danach bis 03.00 Uhr Disko, und beides in entsprechender Lautstaerke.

Also, viel Zeit zum Gruebeln. Ich zweifele naemlich immer noch daran, ob ich den Weg ueberhaupt schaffe. Konditionsmaessig schon, nur mein Fuss zieht mich im wahrsten Sinne des Wortes ganz "schoen" runter. Ich denke, Cabo Finisterre kann ich mir abschminken, und wenn ich aufgrund der Schmerzen nur so langsam weiterkomme, schaffe ich es zu Fuss auch nicht. Aber von wo nach wo mit dem Bus fahren? Die letzten 100 km muss man ja zu Fuss schaffen, und wenn ich jetzt riskiere weiterzugehen, schaffe ich vielleicht die letzten 100 km nicht mehr. Ich koennte von Ponferrada bis Villafranca del Bierzo oder bis Ruitelan mit dem Bus fahren, dann haette ich ein bis zwei Tagesetappen gespart ... und dann ... wenn, haette, waere, koennte ...

Und ploetzlich hoere ich von unten "Fields of Gold" und bekomme eine Gaensehaut ...
 

 

 

Sonntag, 06.05.2007 (23. Tag)
von San Justo de la Vega nach Rabanal del Camino (26,6 km)


07.15 Uhr Abmarsch, drei bis vier Stunden geschlafen! Egal!

Gegen 08.30 Uhr komme ich in Astorga an. Ist das ein wunderschoener Tag, eiskalt, wolkenlos, blauer Himmel, viel Sonnenschein, vielversprechend? Gefruehstueckt.

Catedral de Santa Maria in Astorga

Weiter ueber Murias de Rechivaldo, Santa Catalina de Somoza, El Ganso mit stuendlichen Pausen bis Rabanal del Camino, und staendig bergauf von 853 auf 1162 m. Der Anstieg war kaum merkbar, aber jetzt trifft man schon viel mehr Pilger an als vorher. Ueber einen Pilger war ich sehr ueberrascht, aber wenn's hilft ... und die Idee ist gar nicht so schlecht.

Voll ausgeruesteter Pilger

Die heutige Etappe war wunderschoen, landschaftlich und psychisch. Ich erfuhr sehr viel Kraft, Mut und Zuversicht ... und wieder einmal war Loslassen angesagt ... und es geht tatsaechlich viel besser. Ich werde mich einfach treiben lassen, das ist wohl am besten. Und auch nur so klappt es mit dem Weg ... nein, das ist der Weg! Ich habe absichtlich in Rabanal del Camino gestoppt, denn ich wollte meinen Koerper nicht wieder einmal ueberstrapazieren, und zum anderen wollte ich den Aufstieg nach Foncebadon und Cruz de Ferro (1531 m) bewusst am Morgen erleben. Nun bin ich um 14.30 Uhr in der Pilgerherberge "El Pilar" in einem typischen Bergdorf angekommen. Sehr schoen und sauber.

Albergue Del Pilar

Ich habe das Gefuehl, dass heute ein neuer Abschnitt beginnt ... neue Menschen, neue Perspektiven, neue Eindruecke, neue Erlebnisse ... 248,1 km bis Santiago de Compostela ... treiben lassen ... don't push it ... meinen Plan habe ich nicht ohne Grund verloren ... dieser Weg ist ein Weg der Freude ... die Freude soll ueber die Traurigkeit und das Leid triumphieren ...
 

 

 

Montag, 07.05.2007 (24. Tag)
von Rabanal del Camino nach Ponferrada (27,2 km)


Entgegen meiner bisherigen Gewohnheiten muss ich bereits am Vormittag eine Pause machen, um mein Tagebuch weiterzuschreiben, denn dafuer habe ich heute morgen zu viel erlebt.

Der gestrige Abend war sehr schoen. Ich habe mich sehr nett mit Sebastian aus Hamburg und Gerhard aus Schweden unterhalten, auch wenn Sebastian meine ganzen Zigaretten weggeraucht hat. Dies war eine der besten und freundlichsten Pilgerherbergen auf meinem bisherigen Weg. Den superleckeren Riesensalat und die Portion Makkaroni habe ich nur zu einem Viertel geschafft. Solche Portionen habe ich noch nie in meinem Leben gesehen. Die Pilgerherberge war brechend voll, aber ich habe sehr gut geschlafen. Morgens einen Kakao und um 07.15 Uhr ging's los. Natuerlich musste die "Herbergsmutter" mich noch druecken und kuessen und mir einen "Buen Camino" wuenschen.

Und dann ging's los!

Wo ich gerade diese Zeilen schreibe, sind meine Augen noch voller Traenen des Gluecks.

Von Rabanal del Camino (1162 m) aus geht es bei einem wunderschoenen Sonnenaufgang in stetigem Bergauf durch eine wunderschoene Landschaft mit gelbem Ginster und rosa Heidekraut bis Foncebadon (1439 m).

Sonnenaufgang über Rabanal del Camino

 In Foncebadon trinke ich einen Milchkaffee und geniesse die Aussicht von einer Bank vor der Bar. Da nehme ich neben mir eine aeltere Frau war. Sie sieht traurig aus und humpelt, und so frage ich, was los ist. Sie sagt, dass der Pilgerweg fuer sie hier zu Ende ist, weil ihr Knie nicht mehr mitmache. Sie warte nur noch auf ihr Taxi. Ich kann das sehr gut nachvollziehen und sage, dass es einen Sinn habe und sie in die Arme genommen. Ja, ich weiss, ich hab gut reden, aber es war wirklich kein bloedes Gerede von mir, sondern herzlich gemeint. Sie bricht in Traenen aus und bedankt sich bei mir.

Foncebadon

Betruebt setze ich meinen Weg fort zum Cruz de Ferro (1531 m) und bin ergriffen von der wunderschoenen Landschaft. Goettlicher Vater: ich danke Dir von ganzem Herzen fuer Deine Belehrungen, Bewahrungen und Zurechtweisungen. Dort lege ich den von Zuhause mitgebrachten Sorgenstein mit dem Gebet des Cruz de Ferro ab:

"Herr, moege dieser Stein, Symbol fuer mein Bemuehen auf meiner Pilgerschaft,
den ich zu Fuessen des Kreuzes niederlege, dereinst, wenn ueber die Taten meines Lebens gerichtet wird, die Wagschale zugunsten meiner guten Taten senken.
Moege es so sein."

Cruz de Ferro            Auf dem Weg nach Manjarin

Weiter auf dem Weg gingen mir so einige schoene Gedanken durch den Kopf. So habe ich voller Dankbarkeit an meine verstorbenen Eltern gedacht, wie viel ich ihnen zu verdanken habe, und wie tief gerade die Liebe zu meiner Mutter war. Kurz vor dem Ort Manjarin verlasse ich den Weg und komme auf die Landstrasse. Dort steht auf der linken Strassenseite ein kleines steinernes Kreuz mit der Aufschrift "EVA" (der Name meiner Mutter) mehr nicht. Ich bekomme eine Gaensehaut und erreiche das fast verlassene Dorf Manjarin.

Manjarin

Dort wird bei meinem Eintreffen ein kleines Gloeckchen gelaeutet, das machen die dort fuer jeden Pilger, der dort ankommt. Ich komme zum einzigen bewohnten Haus, muss mich setzen und heule einfach los. Da ich mich irgendwie nicht beruhigen kann, versuchen mich die Leute zu troesten und ich bekomme einen Kaffee. Als ich ihnen sage, dass ich nicht aus Traurigkeit, sondern vor Ruehrung weine, faellt meine Blick auf eine kleine Karte mit der Aufschrift "Mikael".

Heute war ein sehr heisser Tag, und zudem auch einer meiner schoensten. Von Manjarin aus noch einmal ein Stueckchen bergauf mit weiten Blicken auf das Tal des Rio Sil bis ueber die Doerfer nach Ponferrada.

Blick auf Manjarin

Dann beginnt der Abstieg, der bedingt durch Steine und Geroell bedeutend anstrengender ist. Ich gelange zu den Doerfern El Acebo (1145 m) und Riego de Ambros (920 m). Dort trinke ich eine Rotweinschorle, dann weiter bis nach Molinaseca, wo ich uebernachten moechte.

El Acebo           Auf dem Weg nach Riego de Ambros           Molinaseca, Campo und Ponferrada        Molinaseca

Die Pilgerherberge, die sich etwas ausserhalb vom Ort befindet, erreiche ich gegen 15.30 Uhr. Sie ist voll. Man bietet mir an, auf dem Boden zu schlafen, aber aus dem Alter bin ich raus, und das war mir dann doch zuviel nach dem sehr schoenen aber anstrengenden Tag. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Ich bin zum Ortseingang zurueck, in der Hoffnung, ein Zimmer in einem Hostal zu ergattern. Aber da wollte man € 70 fuer eine Uebernachtung ohne Fruehstueck. Nee, das war mir zuviel. Meine Fuesse brannten wie Feuer, meine Waden waren vom Abstieg steinhart und Lust hatte ich schon gar nicht mehr. Davon abgesehen habe ich meine Isomatte nicht mitgenommen und ausserdem waere es auch zu kalt, um draussen zu schlafen. Und was jetzt?

  Viermal am Tag faehrt ein Bus nach Ponferrada, und der kommt "zufaellig" um 16.00 Uhr. Als ich die Haltestelle erreiche, scheint der Bus auf mich zu warten. Ein schlechtes Gewissen habe ich schon, als ich mit dem Bus an Gerhard aus Schweden vorbeifahre. Der Busfahrer hat mich dann freundlicherweise an der Pilgerherberge "Refugio San Nicolas" in Ponferrada rausgelassen, obwohl die fuer ihn gar nicht auf dem Weg lag.

An dieser Stelle muss ich anmerken, dass seit Astorga viele "Tagespilger" unterwegs sind. Sie laufen eine Tagesetappe und die Rucksaecke werden parallel transportiert. Auch stelle ich immer wieder fest, dass einige sogenannte Pilger mit dem Auto unterwegs sind. Die uebernachten dann tatsaechlich auch in Pilgerherbergen, weil die viel preisguenstiger sind als Hostals oder Hotels. Unter diesem Eindruck sehe ich, dass auf dem Parkplatz vor der Pilgerherberge in Ponferrada zahlreiche Busse und Autos stehen, und die Beschreibung im Wanderfuehrer (188 bis 270 Betten) sagt mir auch nicht zu. Also laufe ich weiter durch Stadt und habe insgesamt vier Hostals und Hotels aufgesucht ... vergeblich ... alle voll.

Etwas ausserhalb vom Stadtzentrum habe ich im Hostal "San Miguel" (wie sollte es auch anders heissen) fuer € 25 ein schoenes und sauberes Zimmer bekommen, und obendrein noch einen Rotwein auf Kosten des Hauses.

Castillo del Temple in Ponferrada

Fuer heute reicht's ...
 

 

 

Dienstag, 08.05.2007 (25. Tag)
von Ponferrada nach Villafranca del Bierzo (26,5 km)


Gestern abend war es schwer, in Ponferrada etwas zu Essen zu finden. Es gibt Hunderte von Restaurants, aber alle oeffnen erst ab 21.00 Uhr. Da mein Magen wie verrueckt knurrt, bestelle ich mir in einem Strassencafe eine tiefgefrorene Pizza und ein eisgekuehltes Bier, und dann ab ins Bett. Wow, war das schoen, heute morgen in weisser duftender Bettwaesche und mit Blick aus dem Fenster auf die Berge aufzuwachen.

Gegen 08.00 Uhr bin ich losmarschiert. Wieder einmal habe ich ueber eine Stunde gebraucht, um aus Ponferrada rauszukommen. Aber das lohnte sich, denn es folgten wunderschoene Doerfer wie Compostilla und Columbrianos. Nach dem Fruehstueck weiter ueber Fuentas Nuevas, Camponaraya und Cacabelos bis Pieros, wo ich Jethro, den netten Australier wiedergetroffen habe.

Blick zurueck auf Ponferrada            Jethro aus Australien

Meine Mittagspause habe ich mitten im Nirgendwo gemacht.

Mittagspause im Nirgendwo ...            ... bei einem Glas Rotwein

Gegen 14.00 Uhr erreiche ich Villafranca del Bierzo. Zunaechst will ich meine heutige Tagesetappe bis Pereje oder Trabadelo fortsetzen, dann mache ich aber am Ortsausgang kehrt, weil meine Fuesse qualmen. Auch die Anzahl der Pilger nimmt zu und ich sehne mich nach dem sanften Navarra zurueck.

Villafranca del Bierzo

Vom Ortsausgang ging es zurueck bergauf zur Pilgerherberge "Ave Fenix". Sie ist sehr originell, hat aber enge Zimmer mit vielen Betten. Ich bekomme das letzte Bett in einem Zimmer mit 20 Etagenbetten.

Ab Morgen sind es noch 187,2 km und ich habe noch 10 Tage bis zum Rueckflug. Vielen Dank, Goettlicher Vater, fuer diesen wunderschoenen Tag mit blauem wolkenlosen Himmel, waermender Sonne und kuehlem Wind.

Ach ja, mein Fuss, der schmerzt nicht mehr ...
 

 

 

Mittwoch, 09.05.2007 (26. Tag)
von Villafranca del Bierzo nach O Cebreiro (27,4 km)


Nach anfaenglichen Schwierigkeiten habe ich die Provinz Galicien erreicht. Vieles erinnert mich an Irland und Schottland.

Missmutig, uebel gelaunt und lustlos bin ich heute morgen aufgestanden. Das lag wahrscheinlich daran, dass ich wieder mal kaum geschlafen habe. Volle Pilgerherberge, Schnarcher ohne Ende, schmutzige Sanitaeranlagen und als Kopfkissen diente eine harte, ekelige "Pferdedecke". Und trotzdem herrschte in der Pilgerherberge eine sehr positive Atmosphaere.

Aufgrund der Unruhe im Zimmer bin ich in der Nacht mehrmals aufgestanden und habe draussen eine geraucht. Und dafuer wurde ich mit einem wunderschoenen Sternenhimmel belohnt.

Um 06.00 Uhr standen die ersten Pilger auf, ein Grund auch fuer mich aufzustehen. Bis 06.45 Uhr war die Pilgerherberge verriegelt und verrammelt, dann stroemten etwa 20 Pilger wie eine wilde Meute auf den Weg. Ich gemaechlich los und lasse sie laufen, so habe ich wenigstens meine Ruhe. Es ist wieder einmal sehr kalt, und so vermisse ich auch meine Vliesjacke, die ich nach Santiago postlagernd vorgeschickt habe.

Ueber Pereje gehe ich weiter bis Trabadelo. Dort treffe ich doch tatsaechlich Jethro aus Australien. Wir haben uns sehr nett unterhalten und so wurde die Strecke sehr kurzweilig. Villafranca del Bierzo lag auf einer Hoehe von 524 m, jetzt ging es stetig bergauf ueber La Portela de Valcarce, Ambasmestas bis Vega de Valcarce, wo ich eine leckere Fleischtasche und einen Milchkaffee genossen habe. Mittlerweile ist es wieder so richtig heiss geworden.

Dann weiter bergauf ueber Ruitelan, Las Herrerias und Hospital bis La Faba auf 916 m. Dort hat mich Jethro verlassen, weil es ihm wegen einer Grippe nicht so gut geht. Ich habe am Fluss Rio Mazaco angehalten, dort meine Fuesse gekuehlt, die Socken gewechselt und eine Apfelsine gegessen. Dann ging's weiter.

Irgendwo in den Bergen ...             ... auf dem Weg nach O Cebreiro

Von la Faba aus ueber La Laguna bis O Cebreiro auf 1330 m wurde es dann so richtig heftig. Laut Wanderfuehrer ist die Strecke als mittelschwer bis schwer eingestuft. Dann war's geschafft. Der Wanderfuehrer hat wirklich nicht uebertrieben: es war eine der landschaftlich ergreifendsten Etappen. Wunderschoene Ausblicke auf die umliegenden Berge und Doerfer. Morgen habe ich noch die Paesse San Roque und Alto do Poio zu ueberwinden, dann geht's wieder bergab durch Waelder, Felder und kleine Doerfer bis Santiago de Compostela.

O Cebreiro

Tja, die heutige Pilgerherberge ist im Umbau und so bleibt mir nichts anders uebrig, als in einem der behelfsweise aufgestellten Container zu uebernachten. Dafuer ist alles neu und sauber.

Ich bin in einer sehr netten und freundlichen Kneipe eingekehrt, die aufgrund der koerperlichen Statur von Wirt und Wirtin auf gutes Essen hindeutet. Waehrend ich mein Tagebuch schreibe, isst die Belegschaft am Nebentisch und es riecht verdammt gut. Also frage ich ohne Scheu, was es denn heute gibt? Ein leckerer, so richtig deftiger Eintopf aus Kartoffeln, Erbsen, Moehren und Fleisch. Ohne mit der Wimper zu Zucken schickt die Wirtin ein Maedchen in die Kueche, um einen Teller zu holen, und so bekomme ich eine leckere Kostprobe. Waehrend ich esse, werde ich von der Wirtin beobachtet, ob es mir auch schmeckt. Tja, hat es, und jetzt habe ich so richtig Hunger bekommen und bestelle mir eine Racion Calamares.

Heute bin ich kaputt und bewundere das Geschenk des Sternenhimmels.
 

 

 

Donnerstag, 10.05.2007 (27. Tag)
von O Cebreiro nach Sarria (28,5 km)


Aufgestanden bin ich heute um kurz nach sieben. Die Nacht war ok, obwohl ich im Container geschlafen habe, kalt duschen und "mein Geschaeft" im Stehen erledigen musste, ist halt hygienisch. Danach kurz gefruehstueckt in einer nahegelegenen Bar und um 8 ging's los.

Die heutige Wanderung war einfach nur wunderschoen, eine tolle Berglandschaft mit kleinen Bergdoerfern. Ich konnte einfach nicht aufhoeren zu wandern. Da ich ja meinen Plan vor einigen Tagen verloren habe, verlaufen meine Tage etwas planloser, und trotzdem einfach schoen.

Zunaechst habe ich die Paesse Alto San Roque (1270 m) und Alto do Poio (1137 m) ueberwunden. Um 10.00 Uhr habe ich es geschafft. Von nun an geht's nur noch bergab - habe ich gedacht.

Pilger, der sich bei Alto do Poio gegen den Wind stemmt            Dorfidylle            Auf dem Weg nach Ramil  

Ab Alto do Poio hat mich Jose aus Madrid fuer etwa zwei Stunden begleitet, ein kraeftiger, gut aussehender und total sympathischer Spanier von Anfang 30, und so bekomme ich zusaetzlich noch kostenlos Spanischlektionen. Er lernt von mir Englisch und ich von ihm Spanisch.
Nein ... mehr war nicht ... und ploetzlich ist er weg ...

Anschliessend geht es weiter ueber Fonfria, Pasantes und Ramil bis nach Triacastela. Dort bin ich eingekehrt und habe einen leckeren Salat gegessen. Ein Glas Rotwein mit Sprudelwasser hat natuerlich auch nicht gefehlt. "Erleichtert danach den Weg" meinen die Spanier, die dieses Getraenk auch gerne morgens schon zu sich nehmen.

 Uralte Kastanie bei Ramil

Die tolle Landschaft und die schoenen kleinen Bergdoerfer haben mich veranlasst, bis nach Samos weiterzugehen. Es macht einfach suechtig, die einzigartige Natur "erleben" zu duerfen.

Von Triacastela aus ging es dann weiter. Ab dort nervte mich ein Pilger mit seinen "Scheiss-Wanderstoecken" auf dem Asphalt. Klick ... klick ... klick ... ich wollte ihm "davonlaufen", aber fuer ihn schien es ein Ansporn zu sein, mit mir mitzuhalten. Etwa 45 Minuten habe ich das durchgehalten ... bin ich bescheuert, habe ich mich gefragt ... und habe ein laengere Pause hinter San Cristovo do Real gemacht ... klick ... klick ... klick ... wurde immer leiser ...

Dafuer beobachtet mich jetzt aus sicherer Entfernung ein streunender Hund, neugierig, fast geraeuschlos und mit viel Abstand.

Auf dem Weg nach Samos           Streunender Hund          Kurz vor Samos

Nun freute ich mich auf Samos. In meiner Vorstellung verband ich damit auch unseren gemeinsamen schoenen Urlaub mit Franz-Josef und Klaus, aber die Dinge kehren halt so, wie sie waren, nicht mehr wieder zurueck. Und so lerne ich auch ... na ja ... zumindest versuche ich es ... mir von gewissen Dingen, die mich erwarten, keine Vorstellung mehr zu machen, sondern diese einfach auf mich zukommen zu lassen.

Immer weiter laufe ich parallel zum Rio Sarria, einfach nur schoen. Ich stelle mir gedanklich schon wieder vor, eine Foto vom Ortseingangsschild von Samos zu machen ... hehe, lass das ...

Gegen 16.00 Uhr habe ich einen wunderschoenen Blick auf das Kloster von Samos.

Das Kloster von Samos

Samos war voll von Pilgern, auch die Art von Pilgern, die vorgebuchte Etappen laufen und ihre Rucksaecke vorgebracht bekommen. Die staedtische Pilgerherberge direkt am Kloster war sehr originell, aber viele, viele Betten, und das schlimmste war, dass - den Flecken nach zu urteilen - die Bettauflagen wahrscheinlich schon Monate nicht mehr gewechselt worden waren, einfach nur ekelhaft. Hier schlafe ICH auf jeden Fall nicht.

Pilgerherberge von Samos

Ich gehe zum naechstgelegenen Hostal gegenueber der Pilgerherberge. Mit einem freundlichen "Buenos Dias" betrete ich das Hostal. An einem Tisch neben dem Eingang sitzt dem Anschein nach die Wirtin mit ihren beiden Toechtern. Man mustert mich von oben bis unten (wahrscheinlich sah ich schlimm aus) und erwidert noch nicht einmal meinen Gruss. Ich frage freundlich nach einem Zimmer. "Completo" ist die kurze Antwort der Tochter, mehr nicht. Den Eindruck hatte ich zwar nicht, aber ok, dann geh' ich halt weiter.

Was tun, war die Frage, denn ich war vollkommen erschoepft und ueberwaeltigt von der heutigen Wanderung. Die einzige private Pilgerherberge am Ortsausgang hat gerade das letzte Bett vergeben, und das Hotel in Richtung Sarria ist von "Tagespilgern" (die mit den vorgebuchten Etappen) ausgebucht.

ICH KANN NICHT MEHR!!!

Tja, ploetzlich und "zufaellig" haelt neben mir ein Taxi. Der Taxifahrer geht in den dort befindlichen Tabakladen, und ich hinterher. Anschliessend faehrt er mich fuer € 8 in das 11 km entfernte Sarria, laesst mich am dortigen Pilgerweg raus und in der privaten Pilgerherberge "O Durminento" bekomme ich fuer € 8 ein Bett. Eine sehr saubere Pilgerherberge mit Restaurant und das ist mir sehr recht: Fuesse kuehlen, waschen, duschen, duschen, essen, Wein trinken, schlafen ... gute Nacht.

Ich habe die Route ueber Samos gewaehlt, weil der Wanderfuehrer dazu schreibt:

"Die Variante ueber Samos ist trotz der Teilstuecke neben der Strasse schoener als ihr Ruf. Die Uebernachtung in Samos lohnt vor allem wegen der gregorianischen Gesaenge waehrend der Messen und Andachten in der Klosterkirche."

Tja, habe ich verpasst ... und am naechsten Tag treffe ich Gerhard aus Schweden wieder, der naemlich die Strecke von Triacastela ueber San Xil, Montan, Calvor bis Sarria gelaufen ist und von der menschenleeren Landschaft total begeistert war.

Also, nicht alles glauben, was geschrieben steht!!!
 

 

 

Freitag, 11.05.2007 (28. Tag)
von Sarria nach Portomarin (22,1 km)


Momentan fuehle ich mich ziemlich ausgepowert, deshalb lasse ich es heute langsam gehen.
Wenn alles gut geht, habe ich bis Santiago noch fuenf Tagesetappen vor mir.

Von Sarria aus bin ich heute morgen um 7 Uhr losgegangen. Es ist kuehl, windig und bewoelkt - fuer mich ideales Wanderwetter. Mittlerweile bin ich wieder bei 453 m. Essen und Schlafen in der Pilgerherberge "O Durminento" war ok. Dort habe ich gestern abend noch zwei Frauen aus Irland und zwei Frauen aus Uruguay kennengelernt, nette Maedels. Patsy, eine der beiden Irinnen meinte, ich solle mich beruflich veraendern. Sehe ich nicht so, aber vielleicht sollte ich meine Einstellung zum Beruf veraendern.

Durch wunderschoene Bauerndoerfer ging es staendig angenehm bergauf und bergab ueber Vilei, Barbadelo und Ar Brea bis nach Ferreiros. Zwischenzeitlich habe ich auch Gerhard aus Schweden und das Maedel, das im gleichen Zug mit mir von Bayonne nach Saint-Jean-Pied-de-Port fuhr, wiedergetroffen. Sie hat sich gestern verlaufen und ist ueber 30 km gelaufen. Zudem hat sie ihre beiden Freundinnen verpasst. Sie war ganz traurig darueber, aber ich habe sie gedrueckt, und ihr gesagt, dass sie ihre Freunde bestimmt wiedertreffen wird, und darueber hat sie sich sehr gefreut. Kurze Zeit vorher habe ich den Kilometerstein "100" bis Santiago passiert. Es nervt schon ein wenig, dass seit etwa 50 km in einem Abstand von 500 m ein "Meilenstein" mit der Kilometerabgabe steht. Irgendwie wurde ich dadurch abgelenkt, und irgendwie kommt mir die Strecke jetzt laenger vor.

 Auf dem Weg nach Barbadelo                      Kurz hinter A Brea (tatsaechlich noch rund 109 km)

Klick ... klick ... klick ... da sind sie wieder ...

Auch Richard aus Bristol und Reiner, den pensionierten Arzt aus Bonn, der mir in Carrion de los Condes wegen meiner Sehnenscheidenentzuendung seine Turnschuhe angeboten hat, habe ich wiedergetroffen. Eine Woche noch, dann bin ich endlich wieder bei meinen Liebsten. Die Sehnsucht waechst und waechst.

Von Ferreiros aus ging es weiter ueber Vilacha bis Portomarin, wo ich gegen 13.00 Uhr eingetroffen bin. Eine schoene Kleinstadt an einem Stausee.

Portomarin              Pilger, der den Weg von Portomarin nach Santiago weist

In der privaten Pilgerherberge "O'Miromar" mit einem schoenen Ausblick auf den Stausee habe ich fuer € 8 Quartier bezogen, geduscht, meine Waesche zum Waschen abgegeben, Spaghettis gegessen, meinen obligatorischen Wein getrunken, Tagebuch geschrieben, und jetzt etwas ausruhen. Heute abend sehen wir dann weiter.
 

 

 

Samstag, 12.05.2007 (29. Tag)
von Portomarin nach San Xiao (San Xulian do Camino) (24,6 km)


Gestern abend habe ich Richard aus Bristol in Portomarin wiedergetroffen. Wir haben uns sehr nett unterhalten, ein paar Bier zusammen getrunken und dann gemeinsam zu Abend gegessen. Fuer mich abschliessend zwei "Absacker" im "O'Miromar" und dann ab ins Bett.

Die beiden irischen Damen, Patsy und Ann, schliefen auch in "meiner" Sechserkabine, und eine Frau aus Holland mit ihrer Tochter. Ihre Tochter war so um die 30 und total begeistert, was ich auf meinem Weg so erlebt habe. Alle laufen nur die letzten 100 km mit Leichtgepaeck.

Um 7 bin ich dann raus aus den Federn, einen Kakao und dann on my way. Anfangs habe ich schoene Ausblicke auf Portomarin genossen. Endlich mal eine Stadt am Wasser. Mittlerweile sehne ich mich nach dem Atlantik. Auf meinem Weg hat Wasser fuer mich eine sehr grosse Bedeutung bekommen. Neben der taeglichen Wohltat fuer meine Fuesse auch fuer meine Seele.

Kurz vor meinem Aufbruch sprach mich Ann noch an, und meinte, ich solle meinen Beruf wechseln. Ich solle Vertrauen haben, und versuchen, etwas anderes zu finden. Sie spuere, dass ich mit meiner Arbeit nicht zufrieden sei und ich haette besseres verdient. Ja, wie soll das denn bitteschoen gehen? Selbstverstaendlich weiss ich selbst, dass ich oft an meiner Arbeit zweifle. Gut, dafuer, dass die Rahmenbedingen immer schlechter werden, kann ich nichts. Aber meinen Perfektionismus sollte ich "loslassen", und das ist das eigentliche Problem, nicht die Art der Arbeit. Und natuerlich weiss ich auch, dass man Zufriedenheit nur in sich selbst finden kann. Also, Erwartung herunterschrauben, auf sich selbst vertrauen, alles geben, nichts erwarten ... und dann geht's.

Von Portomarin aus ging es in staendigem Auf und Ab durch Wiesen und Waelder ueber Gonzar, Castromaior,

Aufstieg nach Hospital da Cruz

Hospital da Cruz, Ventas de Naron, Ligonde, Areixe und Palas de Rei bis nach San Xiao bzw. San Xulian do Camino. In diesem kleinen mit etwa 30 Einwohnern bleibe ich heute. Die Pilgerherberge heisst "O Abrigadoiro", ein gemuetliches altes Haus mit Bar, Restaurant und offenem Kamin. Bei meiner Ankunft laeuft klassische Musik, eine sehr angenehme und ruhige Atmosphaere. Die Pilgerherberge ist mit € 20 zwar etwas teurer, beinhaltet aber Abendessen, Bett und Fruehstueck, mitten im Dorf, mitten im Nirgendwo, und es gefaellt mir hier ausserordentlich gut. Den ganzen Tag ueber sehe ich Grillplaetze und mir laeuft dauernd das Wasser im Mund zusammen.
Wie sehr wuensche ich mir heute etwas Gegrilltes.

   Pilgerherberge O Abrigadoiro in San Xiao                Meine Schlafstatt

Und dann dieser wunderschoene Abend in einer der besten Pilgerherbergen auf meinem Weg:
Wir, nur fuenf Pilger - die ganze Herberge fuer uns allein und das tolle Abendessen am offenen Kamin. Waehrend des Essens klassische Musik und sehr tiefgruendige Gespraeche zwischen Karen aus Daenemark, Edith aus Stuttgart (Sie ist mit dem Fahrrad von Stuttgart ueber Frankreich bis zu den Pyrenaeen gefahren, hat dort ihr Fahrrad verschenkt und ist dann zu Fuss weiter. Sie geht den Weg in der Hoffnung, dass ihr arbeitsloser Sohn wieder Arbeit findet.), Wolf aus Seattle, Michaela aus der Tschechischen Republik und mir. Jeder hat ein bisschen von sich selbst erzaehlt, warum man den Weg geht und was man so erlebt hat.

Die "Herbergsmutter" hat das Essen gemacht: Suppe, Salat, am offenen Kamin gegrilltes Kalbsfleisch, Kaese, Wein, Brot, Schnaps ... fuer mich dann Bett ... und noch 69,6 km.
 

 

 

Sonntag, 13.05.2007 (30. Tag)
von San Xiao (San Xulian do Camino) nach Arzua (27 km)


Irgendwie wurden wir alle gegen 6 Uhr wach. Ich hatte zum ersten Mal einen tiefen und erholsamen Schlaf hinter mir, obwohl es die ganze Nacht gestuermt und geregnet hat. Wir fruehstueckten gemeinsam, jeder dankte dem anderen und dann ging jeder seinen Weg.

Als ich die Herberge verliess, zeigte sich mir ein wunderschoener doppelter Regenbogen, und ich schien mitten durch zu gehen.

San Xiao

Dann begann einer meiner haertesten Tage auf diesem Weg. Ich wurde maechtig auf die Probe gestellt, aber ich blieb frohen Mutes und geduldig fast bis zum Schluss der heutigen Etappe.
Na ja, zwischendurch habe ich ab und zu auch mal geschimpft.

Nachdem ich etwa fuenf Minuten auf dem Weg war, begann es wie aus Eimern zu regnen. Hinzu kamen starke Windboeen. Von San Xiao aus ging es ueber Pontecampana, Casanova/Mato nach Leboreiro und dann zum Industriegebiet Poligono Industrial da Gandara, wo sich einige Pilger trotz bester Regenausruestung unterstellten, waehrend ich triefend aber frohen Mutes und singend weiterlief.

Tja, die Sache mit dem Wasser, Balsam fuer meine Fuesse und meine Seele ... heute gab's mehr als genug davon. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, bis Ribadiso da Baixo zu laufen. Ich wollte in der dortigen an einem Bach gelegenen Pilgerherberge bleiben. Trotz des starken Regens lief ich durch wunderschoene und beim Regen noch gruener wirkende Wiesen, kleine Siedlungen und duftende Eukalyptuswaelder, und das in staendigem Bergauf und Bergab, und mittlerweile vollkommen durchnaesst. Aber die Jacke hielt tatsaechlich dicht.

Weiter durch Melide, Raido, Boente und Castaneda. Die heutige Etappe schien nicht enden zu wollen. Ich hatte den Eindruck, ich sei seit mindestens 10 Stunden gelaufen, nur der zu vermutende Stand der Sonne sagte mir etwas anderes.

Kurz vor meinem Etappenziel Ribadiso da Baixo traf ich Karen. Sie sagte, dass sie noch bis Arzua laufen werde, da sie sowieso vollkommen durchnaesst sei und damit morgen weniger zu laufen habe, und das leuchtete mir ein.

Die Pilgerherberge in Ribadiso da Baixo war tatsaechlich wunderschoen gelegen, waere aber eher etwas fuer einen Sonnentag gewesen. Da sie aber noch geschlossen hat, bin ich auch weiter.

Um 14 Uhr erreiche im Schlepptau von Karen die brechend volle staedtische Pilgerherberge in Arzua, aber ich bleibe, obwohl ich mehrere Hinweisschilder auf Hostals und Pensionen gesehen habe. Tja, mal sehen, wie es weiter geht. In der Pilgerherberge treffe ich auch auf ein paar Freaks mit Gitarre und ausgetretenen Wanderstiefeln ... hehe, keine Vorurteile. Sie sind sehr nett und unterhalten waehrend der halben Nacht die Pilgerherberge mit ihrer Musik. Doch die kraechzende Stimme der "Saengerin" ist ein bisschen nervend.

So, raus aus den Klamotten, aber wohin damit? Alles haengt voll. Waescheleinen quer ueber alle Betten gespannt. Zunaechst habe ich meinen Schlafsack abgetrocknet, denn der war auch nass geworden. Ich wollte ja unbedingt das Gewicht der Schutzhuelle (immerhin wenige Gramm) einsparen. Ich weiss auch nicht, was mich bei der Idee "geritten" hat. Ist naemlich sehr angenehm, in einem feuchten Schlafsack schlafen zu muessen. Und von der Naesse war ich auch ganz schoen durchgefroren. Dann habe ich erstmal heiss geduscht. Zumindest das war moeglich, und ich war richtig froh, meine Badelatschen mitgenommen zu haben. Bloss aufpassen, dass ich nicht an die Duschwaende komme. Vor mir hatten naemlich schon einige "Dreckspatzen" geduscht. Dafuer gibt's dann kein Toilettenpapier und ich bin froh, dass ich meine Hakle Feucht dabei habe.

Neben mir war noch ein Bett frei. Kurze Zeit spaeter kommt Karen zu mir und fragt, ob es mir etwas ausmachen wuerde, wenn sie das Bett nimmt, sie fuehle sich naemlich in meiner Naehe sicher und geborgen. Ja, selbstverstaendlich und gerne. Eine sehr freundliche, liebenswerte und hochintelligente Frau, die mir Zeitungspapier besorgt hat, um meine Wanderstiefel "auszustopfen", und auch wir spannen unsere Waescheleine von Bett zu Bett.

Abends haben wir in gemuetlicher und ruhiger Atmosphaere zusammen gegessen.

So, heute waren es 27 km. Damit habe ich 750 km hinter mir, bis zu meinem Ziel Santiago noch 42,6 km vor mir und fuer morgen habe ich meinen letzten "Boxenstopp" in Pedrouzo geplant.

Mir und meinen Fuessen geht es supergut.  Ich bin gespannt, wie es morgen aussieht!
 

 

 

Montag, 14.05.2007 (31. Tag)
von Arzua nach Pedrouzo/Arca do Pino (21,3 km)


Bis um 6 Uhr heute morgen hat es geregnet.
Als ich die Pilgerherberge verliess, hatte es aufgehoert, und so war ich voller Zuversicht.
Bis auf zwei kleine Schauer, die mich voellig durchnaessten, ging es auch gut.

Von Arzua aus wieder durch wunderschoene Doerfer und Eukalyptuswaelder ueber A Peroxa, Calle, Brea, Santa Irene bis nach Pedrouzo/Arca do Pino, wo ich um 12 Uhr eintraf. Mit anderen Pilgern wartete ich, bis um 13 Uhr die staedtische Pilgerherberge mit 120 Betten oeffnete.

Weil ich so frueh dort war, bekam ich sogar ein "Einzelbett". Das zweite habe ich vorsichtshalber fuer Karen frei gehalten. Die hat sich darueber riesig gefreut. Meine Wanderstiefel sind natuerlich ueber Nacht nicht getrocknet, und so habe ich zunaechst ueber meine Socken jeweils eine Plastiktuete gezogen, damit wenigstens meine Fuesse trocken blieben.

Ein spanischer Pilger hat mir geraten,  meine Wanderstiefel zum Trocknen hinter den Waeschetrockner zu stellen, und das hat supergut geklappt.

Heute bin ich 21,3 km gelaufen, und dieselbe Entfernung habe ich morgen noch einmal bis Santiago vor mir. Heute bin ich voll am Ende. Vielleicht ist es auch eine Art von Erleichterung - wenn alles gut geht - morgen in Santiago anzukommen, und letztmalig in einer vollen Pilgerherberge schlafen zu muessen. Ich freue mich auf morgen ...
 

 

 

Dienstag, 15.05.2007 (32. Tag)
von Pedrouzo/Arca do Pino nach Santiago de Compostela (21,3 km)


Ich habe es geschafft!

... geschafft!!!

Nach den letzten fuenf Stunden Wanderung bin ich um 11 Uhr in Santiago de Compostela angekommen. Nun sitze ich am Seiteneingang der Kathedrale und mache meine Tagebucheintragungen.

              

Nachdem ich vor Aufregung und der vollen Pilgerherberge fast die ganze Nacht nicht schlafen konnte, bin ich um 05.30 Uhr aufgestanden und losgegangen.

Ein letztes Mal Bergauf und Bergab von Pedrouzo/Arca do Pino ueber die Landstrasse bis Lavacolla. Dann noch einmal, aber tatsaechlich auch zum letzten Mal, stark bergauf bis Villamaior. Vorbei an kleinen Bauerndoerfern und am Flughafen von Santiago. Von Monte do Gozo aus erhoffte ich mir einen tollen Ausblick auf Santiago, aber weit gefehlt, das war leider nicht der Fall. Lange lief ich durch die Neustadt bis ich nach etwa einer Stunde die Altstadt von Santiago de Compostela erreichte.

Ich bin begeistert, geruehrt und ueberwaeltigt, wie viele Menschen und Generationen sich ueber diesen Anblick und den erfolgreichen Weg gefreut haben muessen!

 Begruesst werde ich von einem Dudelsackspieler.
Galicien hat soviel gemeinsam mit meinem Traumland Irland.
Und all die erfreuten Gesichter der Pilger.
Auch ich habe es geschafft, danke!
Wie oft habe ich grundlos gezweifelt und gehadert.
Ich danke meinen Lieben fuer die psychische Unterstuetzung, die ich oft gespuert habe.
Jetzt bin ich aber doch ganz schoen fertig.

Gestern war ich noch einmal sehr betroffen:
Etwa 25 km vor Santiago ist 1993 ein 69-jaehriger Mann auf dem Pilgerweg tot zusammengebrochen. Fuer ihn gibt es ein kleines Denkmal auf dem Pilgerweg:
Wanderschuhe aus Bronze.

Nach meiner Ankunft habe ich mir zuerst meine Pilgerurkunde im Pilgerbuero abgeholt. Im zentral gelegenen Hostal bzw. Hospedaje "Ramos" habe ich fuer € 20 die Nacht ein sehr gutes und sauberes Zimmer bekommen. Rucksack und Pilgerstab abgestellt, dann sofort zur Post und meinen Karton, den ich vorgeschickt habe, abgeholt. Mit den Sportschuhen kann ich zuerst nicht richtig laufen. Tja, aber dann ging's. Dann kam der Stadtrundgang - einfach wunderschoen, aber auf der anderen Seite nicht so spektakulaer, wie ich es mir - wieder einmal - vorgestellt habe.

Die Pilgermesse um 12 Uhr habe ich nicht mehr geschafft. Das moechte ich morgen machen.

In der Zeit vom 15. bis 20. Mai findet in Santiago das Festival "Ascension" statt.
Mal sehen, was es so gibt.

Nun, wie sieht meine weitere Planung aus?

Morgen die Pilgermesse, fuer Donnerstag eventuell einen Tagesausflug mit dem Bus nach Cabo di Finisterre und fuer Freitag ist Einkaufen und der Rueckflug angesagt.
Ich freue mich ueber alles auf meine Lieben!

Nachdem ich mich auf meinem Zimmer etwas ausgeruht habe, mache ich noch einmal einen kleinen Stadtrundgang. Im Cafe "Casino" habe ich mir ein Bier getrunken. Der Kellner hatte mir versehentlich ein grosses Bier berechnet, und ein kleines gebracht. Dafuer bekam ich zusaetzlich ein Grosses und Tapas obendrein.

Abends habe ich Gambas gegessen, dazu Queso, Bier und einen Orujo. Am Nebentisch sitzen zwei aeltere Ehepaare aus Deutschland, "pflaumen" sich die ganze Zeit gegenseitig an, beschweren sich ueber das Essen und zu wenig Gewuerz. Die nerven total und so sage ich, dass man nach 800 km bescheidener wird und Dinge wieder zu schaetzen weiss. Als einzige Antwort sagt einer vom Nebentisch "wir sind aber mehr gelaufen" ... und so ist das Gespraech beendet ...
 


 

Mittwoch, 16.05.2007 (33. Tag)
Santiago de Compostela


Wegen der Fiestas Lokales in Santiago hatte ich eine unruhige Nacht. Deshalb bin ich erst um 09.30 Uhr bin ich aufgestanden. War das schoen, anschliessend durch die fast menschenleeren Strassen und Gassen von Santiago zu laufen.

Hospedaje Ramos

In der Naehe des Hostals habe ich fuer € 3,50 in einem Cafe gefruehstueckt.

Die sogenannte Meile 0 ...

Dann habe ich noch einmal einen Stadtbummel gemacht. Unser Freund Franz-Josef hatte mir seinen Brustbeutel geliehen, und der wurde vom Schweiss und Regen ganz schoen versaut.
Ich habe hier leider vergeblich versucht, ihm einen neuen zu kaufen.

Um 12 Uhr war es endlich so weit - die Pilgermesse. Es war ergreifend und wunderschoen.

Pilgermesse

Die ganze Stadt und die Kathedrale war voller Pilger, Stimmengewirr in allen Sprachen und Pilger mit und ohne geschulterten Rucksaecken treten ein und aus.

Zu Beginn der Messe wurden die am Vortag angekommenen Pilger erwaehnt ... von St. Jean Pied de Port: 5 Pilger aus Deutschland, 7 Pilger aus Frankreich, 1 aus Australien, 1 aus Brasilien ... usw. usw. ... das ging zunaechst einmal ueber mehrere Minuten so weiter ...

Dann wurde ein freiwilliger Pilger gesucht und es meldete sich ein Spanier. Der durfte aus der Bibel lesen. Von der Messe selbst habe ich nicht viel verstanden, dennoch konnte ich meine Traenen nicht zurueckhalten, es war ergreifend ... und ich war dabei!

Wie sollte es anders sein, waehrend der Messe habe ich Karen aus Daenemark getroffen.

Stoerend sind die Touristen, die keine Ruecksicht auf die Messe nehmen ...
Fotos ohne Unterlass, laute Unterhaltungen und lautes Kichern ... einfach nur nervend.

Dann folgte das Abendmahl und zum Abschluss haben sich alle die Hand gegeben.

Das Schwenken des Weihrauchfasses, des sogenannten "Botafumero", habe ich nicht miterlebt, weil diese Zeremonie nur zu besonderen Anlaessen stattfindet, wie beispielsweise morgen am Feiertag Christi Himmelfahrt ... aber ich bevorzuge lieber den Tagesausflug nach Cabo Finisterre.

Abschliessend habe ich, so wie es ueblich ist, die silberne Figur des Heiligen Jakobus, die am Hochaltar "thront", beruehrt, umarmt und gekuesst und dann seine unter dem Hauptaltar, in einem Silberschrein befindlichen Reliquien besichtigt ...

Interessant ist, dass das Fuenf-Sterne-Hotel "Parador" taeglich die ersten zehn Pilger morgens, mittags und abends gegen Vorlage einer Kopie der Compostela bekoestigt.
Eine alte Tradition, aber dafuer muss man lange anstehen.

Nach der Pilgermesse treffe ich auf dem Vorplatz der Kathedrale "Jethro" ... das war eine Riesenfreude ... der ist heute morgen eingetroffen.

Abends habe ich im Restaurant "Casa Camilo" fuer € 13,50 ein ausgezeichnetes Pilgermenue genossen ... Fischsuppe, gegrillten Lachs, zum Nachtisch Flan, dazu Brot und ein Getraenk.

Da die Spanier gern und ausgelassen feiern, ist seit 18 Uhr wegen der Fiestas Lokales eine "Samba-Truppe" unterwegs.

Heute abend hatte ich noch ein beruehrendes Erlebnis:

Eine Gruppe blinder Pilger trifft in Begleitung ihrer Blindenhunde ein und sie machen einen sehr gluecklichen Eindruck ... was fuer ein erhebendes Erlebnis ...

Um 22 Uhr war ich im Bett aber zum Schlafen war es zu laut.

Danke fuer diesen wunderschoenen Tag und die schoenen Erlebnisse!

Danke fuer offene Augen und Ohren!
 


 

Donnerstag, 17.05.2007 (34. Tag)
Tagesausflug nach Cabo Finisterre


Um 1 Uhr wurde mir von der Samba-Truppe ein Staendchen vor meinem Zimmer geboten, die Spanier feiern halt gern. Ich mich noch mal angezogen und raus auf die Strasse. Bis 2 Uhr durch die proppenvolle Stadt gelaufen, ein Bier getrunken und dann wieder ins Bett.
Der Samba-Ramba-Zamba ging bis 04.30 Uhr, dann bin ich eingeschlafen.

Um 07.30 Uhr weckte mich mein Handy! Ich aus dem Bett und durch fast menschenleere Strassen. Na ja, ein paar Betrunkene, Singende und Knutschende waren schon noch da. Wie jeden Morgen wurden die Strassen und Gassen gereinigt. Nach einer halben Stunde erreichte ich zu Fuss den Busbahnhof. Mein Bus nach Cabo Finisterre sollte um 9 Uhr abfahren. Am Busbahnhof war eine Riesenschlange, alle wollten zum Cabo Finisterre. Es kamen nicht alle mit und es gab ellenlange Diskussionen, wie es weitergehen soll.

Neben mir im Bus sitzt Christian, "schnallt" nichts und ist ueber alles (insbesondere ueber die Pilgermesse, die er im wahrsten Sinne des Wortes nicht verstanden hat) enttaeuscht.

Der Bus faehrt ab. Als erstes diktiert Christian auf sein Handy

"Bus faehrt mit 47 Minuten Verspaetung ab!"

Fuer die anderen Wartenden wird selbstverstaendlich ein weiterer Bus zur Verfuegung gestellt.

Es geht vorbei durch wunderschoene Doerfer Galiciens, malerische Fischerdoerfer, Palmen-, Zitronen- und Feigenbaeume und weisse Straende bis nach Finisterre, wo wir gegen 12 Uhr eintreffen.

Danach 45 Minuten zu Fuss bergauf bis zum Leuchtturm von Cabo Finisterre.

... stolz wie Oskar ...                    ... auch das geschafft zu haben ...

 Vom Dorf aus begleitet mich neben der Strasse ein kleiner Hund bis zum Leuchtturm.
Von dort aus habe ich einen wunderschoenen Blick auf den Atlantik.

Tja, das war heute meine "letzte Wanderung".

Am "Ende der Welt" habe ich ein paar Fotos gemacht und dann ging es wieder zurueck ins Dorf.
Es ist schoen, dass ich heute diesen Ausflug mit dem Bus gemacht habe - wie sich doch alles fuegt.

Ausserdem rede ich mir ein, dass mir die dreitaegige Wanderung von Santiago de Compostela nach Cabo Finisterre, hauptsaechlich neben der Strasse, sowieso nicht gefallen haette.

Auch hier habe ich wieder dazugelernt, denn eigentlich habe ich mir vom Cabo Finisterre mehr versprochen, ich habe es mir spektakulaerer vorgestellt.

Also, alles nehmen, wie es kommt, wenn moeglich ohne Erwartungshaltung.

Um 16 Uhr ging es mit dem Bus zurueck, 18 Uhr in Santiago angekommen, 19.30 Uhr gegessen: Kalbskotelett, Fritten, Brot, Kaese und ein Bier, 21.30 Uhr zurueck ins Zimmer, mit meinen Liebsten telefoniert und zum letzten Mal meinen Rucksack gepackt.

Jetzt freue ich mich riesig auf mein geliebtes Zuhause ... ich bin veraendert oder verwandelt ...
 

 

 

Freitag, 18.05.2007 (35. Tag)
Rueckreise von Santiago de Compostela ueber Mallorca nach Duesseldorf


Der Tag ist da - ich darf wieder nach Hause.

Nach sehnlichem Warten, mit gemischten Gefuehlen und Geduld ist es so weit.

Gestern bin ich gegen 22 Uhr in freudiger Erwartung auf den heutigen Tag ins Bett gegangen. Trotz Samba-Ramba-Zamba bin ich relativ schnell eingeschlafen, und nach einem tiefen erholsamen Schlaf wurde ich um 8 Uhr von der lieben Sonne geweckt. Ich habe mich rasiert, geduscht und die letzten Sachen eingepackt. Gegen 9 Uhr war ich fertig. Nachdem ich meinen Rucksack im Hostal deponiert habe, bin ich noch einmal durch die menschenleeren Strassen und Gassen von Santiago gegangen. Ich habe noch einmal die Kathedrale besucht, dann gefruehstueckt und nach einem letzten Einkaufsbummel meinen letzten Cafe con Leche im Cafe Casino getrunken.

Heute ist noch einmal Geduld mein Thema, weil es erst 22.30 Uhr wird, ehe ich meine Liebsten wiedersehe.

Momentan befinde ich mich auf dem Flug von Mallorca nach Duesseldorf. Wo ich gerade die langsam untergehende Sonne sehe, faellt mir ein, dass ich waehrend meiner Wanderung keinen Sonnenuntergang erlebt habe. Und auch das wird mir jetzt noch geschenkt.

Gegen 13 Uhr habe ich meinen Rucksack in der Pension abgeholt. Heute war er besonders schwer, aber ich brauche ihn mit diesem Gewicht ja keine 800 km zu tragen.

Zu Fuss zur Bushaltestelle, dann mit dem Bus zum Busbahnhof und von dort aus zum Flughafen. Ich fuehlte mich an meinen letzten Wandertag erinnert, als ich zu Fuss den Flughafen passierte.

Puenktlich um 17.10 Uhr ging's los mit Air Berlin von Santiago nach Mallorca. Die Flugzeit war eine Stunde und zwanzig Minuten. Es ist schon interessant aus der Vogelperspektive innerhalb von einer Stunde noch einmal das zu sehen, wofuer ich 32 Tage benoetigt habe. Anfangs flog ich parallel zum Jakobsweg, sah Staedte, Fluesse und Berge und dachte noch einmal zurueck, als mein Weg am 14.04.2007 begann ... hmm ... und jetzt geht's heim.

In Palma hatte ich eine Stunde Aufenthalt und der Weiterflug war puenktlich.

Ich kann es kaum noch erwarten und danke noch einmal meinem geliebten Goettlichen Vater und den Maechten des Universums fuer die wunderschoene Zeit.

Wow, ich schaue gerade durch die Eisblumen an meinem Fenster, und da ist er:
der Sonnenuntergang ueber den Schweizer Alpen.

Es war einfach alles perfekt: Der Weg begann mit einem wunderschoenen Sonnenaufgang und nun endet er mit einem spektakulaeren Sonnenuntergang. Noch eine Stunde bis Duesseldorf ... aber was ist schon eine Stunde ... Geduld Micky ...

Jaaaa ... geschafft!

Um 22.30 Uhr bin ich in Duesseldorf gelandet.

Von meinen Liebsten wurde ich erwartet mit einem Transparent:

"Mike's Longest Way ... You Made It!"

Mike's Longest Way ...              ... you made it!

"When the going gets tough, the tough get going!"

Sky war zunaechst ein wenig skeptisch - aber dann kam er auf mich "zugeflogen".

Auf wen warten die?   Ist das der Micky?   Ja, er ist es ...

Schoen, meine Liebsten wohlbehalten wieder zu sehn.

oe

               Danke und Prost!

Ich hoffe, dass das auf dem Weg Gelernte noch lange tief in mir erhalten bleibt!
 

 

 

Schlussbemerkung


Ich habe eine der besten Entscheidungen in meinem Leben getroffen.

Wie auch andere Pilger hatte ich die Empfindung, dass dieser Weg fuer mich "gemacht" war.

Danke fuer diese Erkenntnis.

Ich habe gelernt, dass ich keinem Menschen etwas beweisen muss.

Fuer die Zukunft wuensche ich mir auch weiterhin:
Demut, Sanftmut, Geduld, Mut, Kraft, Zuversicht und Vertrauen.

Ich bin froh und dankbar, dass ich ganz erfuellt bin von
Liebe, Harmonie, Gesundheit, Wohlergehen, Bereitschaft und Frieden.

Ich danke Euch ihr Lieben fuer Euer Interesse
und schliesse mein Tagebuch mit meinem Wegbegleiter Psalm 23:

Der HERR ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer gruenen Aue und fuehret mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele. Er fuehret mich auf rechter Strasse um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fuerchte ich kein Unglueck;
denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab troesten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Oel und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.
 


 


Weitere wertvolle Informationen zum Jakobsweg findet Ihr auf der Internet-Plattform bei:


und bei:


 


Ich wuerde mich ueber einen Eintrag in meinem Gaestebuch sehr freuen!